Thallium
Tod in mehreren Etappen
TEXT: MONIKA LENZER
Für medizinische Zwecke wurde Thallium früher in Dosen eingesetzt, die sich nach heutiger Definition schon fast im giftigen Bereich bewegen.
Thallium (Tl) ist ein Element aus der Borgruppe (3. Hauptgruppe) mit der Ordnungszahl 81. Es ist überall in der Natur verbreitet, doch in der Regel nur in sehr geringen Konzentrationen. Vor allem in der Umgebung von Zement- und Hüttenwerken können allerdings höhere Mengen auftreten. Speziell in der Schweiz wurden im Jahr 2013 erhöhte natürliche Thalliumgehalte in den Böden im Gebiet der Erzmatt in der Gemeinde Buus nachgewiesen.
Zwei Entdecker
Der britische Chemiker William Crookes (1832–1919) wurde auf Thallium anhand seiner grünen Spektrallinie bei 535 nm aufmerksam. Er erkannte, dass es sich dabei um ein neues Element handelte. Da Thallium die Flammen grün färbt, benannte er seine Entdeckung in Anlehnung an das griechische Wort «thallos», was «grüner Zweig» bedeutet. Er veröffentlichte seine Beobachtungen im März 1861 in den «Chemical News».
Unabhängig davon gelang es dem französischen Chemiker und Physiker Claude-August Lamy (1820–1878) einen kleinen Barren des Schwermetalls zu gewinnen. Er schickte ihn zur Internationalen Ausstellung in London im Jahr 1862, wo ihm eine Medaille verliehen wurde. Crookes war ausser sich vor Wut, weshalb ihn das Ausstellungskomitee ebenfalls mit einer Medaille auszeichnete. Heute gelten beide Forscher als Entdecker von Thallium.
Alles haarfrei
Früher wurden Kosmetikcremes mit Thalliumacetat verkauft, um erwünschte Körperhaare zu entfernen. Dabei traten immer wieder Vergiftungsfälle auf, weshalb solche Produkte seit den 1950er-Jahren aus dem Handel kamen.
Aus dem frühen 20. Jahrhundert gibt es zudem Berichte über die Epilation mit Thalliumacetat, um Kopfhaut-Ringelflechte und andere Pilzerkrankungen der Haut zu behandeln. Dazu erhielten die Patienten eine orale Einzeldosis von 8 mg pro Kilogramm Körpergewicht in Zuckerwasser. Ab dem 14. Behandlungstag fielen die Haare dann aus – erst nach einiger Zeit begannen sie wieder nachzuwachsen. In über 25 Prozent der Fälle wurden milde Vergiftungserscheinungen im Rahmen der Therapie beschrieben. Im Vergleich dazu wird in der heutigen Literatur eine tödliche Dosis von rund 10 mg Thallium pro Kilogramm Körpergewicht für den Menschen angegeben.
Gegenspieler zu Kalium
Zahlreiche Thallium-Verbindungen werden gut über die Atemwege, die Haut und den Magen-Darm-Trakt aufgenommen. Da Thalliumionen (Tl+) ungefähr den gleichen Ionenradius wie Kaliumionen (K+) aufweisen, können Thalliumionen viele kaliumabhängige Funktionen im Körper stören.
Bei einer akuten Thalliumvergiftung können zunächst Übelkeit und Erbrechen auftreten. Speziell ist, dass dann eine beschwerdefreie Periode von mehreren Tagen folgen kann. Erst im Anschluss sind Durchfall und Magen-Darm-Beschwerden typische Beschwerden. In der nächsten Phase gibt es neurologische und psychische Veränderungen, wobei sich üblicherweise Gefühlsstörungen in Händen und Füssen bemerkbar machen. Im späteren Stadium sind Haarausfall, Sehstörungen und Tachykardie bis hin zu Herzrhythmusstörungen mögliche Symptome. Falls der Ausgang nicht letal ist, bleiben oft neurologische Störungen wie geistige Beeinträchtigung oder Erblindung zurück.
Bei akuter Vergiftung eignet sich Berliner Blau – Eisen(III)-hexacyanoferrat(II) – als Antidot. Es wird nicht enteral aufgenommen, sondern bindet Thallium im Darm und unterbricht so den enterohepatischen Kreislauf, woraufhin das Gift aus dem Körper eliminiert wird.
Gift der Giftmörder
Früher wurde Thallium öfter genutzt, um Menschen zu vergiften. Dazu hat sicherlich auch die gute Verfügbarkeit beigetragen – so gab es bis in die 1990er-Jahre Schädlingsbekämpfungsmittel im Handel, die Thallium enthielten. Praktisch war, dass wasserlösliche Verbindungen wie Thalliumsulfat farb-, geruch- und nahezu geschmacklos sind. Sogar Agatha Christie liess sich davon inspirieren und nutzte Thallium als Mordwaffe in ihrem Krimi «Das fahle Pferd».
Foto: ©Thallium_(Element_-_81)_2_Wikimedia_Commons

Newsletter
Jetzt anmelden!

