Selbstbildnis mit aufgerissenen Augen - Ferdinand Hodler

Die Mission des Künstlers

Ferdinand Hodler

TEXT: CHRISTIANE SCHITTNY

Der bedeutende Schweizer Maler Ferdinand Hodler hinterliess viele Spuren – auch in Fribourg. Dort unterrichtete er an der Gewerbeschule und hielt im Salon der Amis des Beaux-Arts seinen berühmten Vortrag «Die Mission des Künstlers». Zwei Ausstellungen knüpfen an sein schöpferisches Werk an.

Ferdinand Hodler (*14. März 1853 in Bern; †19. Mai 1918 in Genf) war einer der bekanntesten Schweizer Maler des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Er begann seine künstlerische Ausbildung in Thun und setzte sie in Genf fort. Seine frühen Arbeiten zeigen oft realistische Porträts, Landschaften und Genrebilder. Später entwickelte er den von ihm so benannten Parallelismus und wandte sich dem Symbolismus und dem Jugendstil zu. Zwischen 1896 und 1899 lehrte Hodler an der École des Arts et Métiers in Fribourg. Sein Einfluss auf die Schweizer Kunst war nachhaltig und viele seiner Werke befinden sich bis heute in bedeutenden Sammlungen.

Maler und Kunstdenker

Vor 130 Jahren wurde die Berufsfachschule Freiburg (EMF) gegründet. An dieser Schule lernen heute Jugendliche aus technischen Berufen, doch damals lag der Unterrichtsschwerpunkt auf den Künsten. Während seiner Lehrtätigkeit an der EMF hielt Ferdinand Hodler im Jahr 1897 einen für damalige Zeiten aufsehenerregenden Vortrag über die Mission des Künstlers: Darin hinterfragt er die Rolle des Künstlers in der Gesellschaft und definiert sich selbst als Kunstdenker und nicht mehr nur als Maler. Er verteidigt die Vereinfachung der Formen, die Suche nach Einheit und Ausgewogenheit. Er wird zum Offenbarer, zum Vermittler zwischen Natur und Geist.

«Die Emotion ist einer der Hauptgründe, die einen Maler dazu bewegen, ein Werk zu schaffen. Er möchte den Charme dieser Landschaft, dieses Menschen, dieser Natur, die ihn so tief bewegt haben, wiedergeben», heisst es in Hodlers Ansprache. Aus dem Leben, aus der Landschaft, aus der Geschichte nimmt er denn seine Motive und gestaltet sie mal warm und lebendig, mal wuchtig und monumental. Gelegentlich begegnet einem auch tiefstes Leid, Entsagung und Auflehnung. So wie das Leben eben spielt.

Parallelismus als starke Ausdrucksform

Der Parallelismus ist das zentrale kunsttheoretische Konzept im Werk Ferdinand Hodlers und beschreibt seine Suche nach Ordnung, Gesetzmässigkeit und Sinn in der sichtbaren Welt. Hodler ging davon aus, dass sich die Natur, das menschliche Leben und geistige Prozesse nach wiederkehrenden Strukturen organisieren. Diese inneren Gesetzmässigkeiten wollte er in der Malerei sichtbar machen.

Formal äussert sich der Parallelismus durch Wiederholung, Symmetrie und rhythmische Anordnung von Figuren, Bewegungen und Formen. Menschen erscheinen oft in ähnlichen Haltungen oder Gesten nebeneinander gereiht, Landschaften sind klar gegliedert und horizontal strukturiert. Individualität tritt zugunsten eines übergeordneten Zusammenhangs zurück.

Hodlers Schüler im Fokus

Das Museum für Kunst und Geschichte in Freiburg (MAHF) stellt im Rahmen der 130-Jahre-Feier der Berufsfachschule rund 20 Gemälde von Künstlerinnen und Künstlern aus, die Hodler in Freiburg unterrichtete. Darunter Elisa de Boccard, die im Alter von 50 Jahren bei Hodler studierte, Valentine de Diesbach, Oswald Pilloud, Hiram Brülhart oder Raymond Buchs. Sie alle übernahmen Hodlers Methodik und Themenschwerpunkte und belegen somit des Meisters Einfluss auf das regionale Kunstschaffen. Hodlers Originalvortrag «Die Mission des Künstlers» sowie sein vollständiges Skizzenbuch sind ebenfalls Teil der Ausstellung.

Kunstwerke auf Reisen

Zudem wurde eine Wanderausstellung realisiert, die elf zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern aus der Schweiz und dem Ausland die Gelegenheit bot, sich mit Ferdinand Hodlers Werk und seinem Vortrag auseinanderzusetzen. Mit unterschiedlichen Techniken und Themen setzen sie ihre Kunst in Relation zu Hodlers Lehren und zeigen damit auf, wie Kunst Denkanstösse liefern kann.

Ein Beispiel ist die Fribourger Künstlerin Isabelle Pilloud, die Hodlers Vorliebe für (Selbst-)Porträts aufnimmt und eine Serie von Malerinnen porträtierte, die zur damaligen Zeit kaum Beachtung fanden. «Man könnte meinen, ihre Werke seien in Schachteln versorgt worden – Deckel zu und vergessen», sagt Pilloud. Symbolisch hängt sie ihre Frauenporträts in den geöffneten Kartonschachteln an die Wand: Als wollten sie sagen: «Seht her, uns gab es damals auch!»

Die Werke der deutschen Künstlerin Miriam Zegrer sind ebenfalls Teil der Ausstellung. Ihre Verbindung zu Hodler ist die Liebe zu Motiven aus der Natur. «Wenn ich einen kleinen, trockenen, mit Flechten überzogenen Zweig zeichne, entdecke ich die anarchische Kraft eines Urwalds, jenes Leben, das erneut die Oberhand gewinnt und das Leblose zurückerobert», erklärt Zegrer. Ihre Bilder zeigen filigrane, oft unscheinbare Pflanzen, Wurzeln und Flechten, die sie nach der Methode des traditionellen japanischen Holzschnitts herstellt.

Die Wanderausstellung, die bereits in Fribourg gezeigt wurde, wird vom 5. Juni bis 30. September 2026 in Carcassonne und vom 2. April bis 2. Mai 2027 in Catania zu sehen sein.


Weitere Infos online

Hans Mühlestein: Ferdinand Hodler – ein Deutungsversuch. 1914.
PDF Deutsch

Ferdinand Hodler. 2013. Fondation Beyeler
PDF Englisch


Photo: Ferdinand Hodler (1853–1918), Public domain, via Wikimedia Commons

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