Lieber den Spatz auf dem Dach
Hatz mit Folgen
TEXT: KLAUS DUFFNER
Im Glauben, einen grossen Ernteschädling zu eliminieren, wurde im Jahr 1958 in China ein Kampf zur Ausrottung der Spatzen gestartet. Was damals niemand ahnte: Die staatlich angeordnete Kampagne führte zu einer der bis dahin grössten ökologischen und humanitären Katastrophen.
Chinas «grosser Steuermann» Mao Tse-tung wollte sein Land mit einem «grossen Sprung nach vorn» vollkommen umkrempeln. Dazu gehörte der Kampf gegen Ernteausfälle, die er den «vier grossen Plagen» anlastete, nämlich Ratten, Stubenfliegen, Moskitos – und vor allem den Spatzen. Obwohl er von chinesischen Biologen gewarnt wurde, rief Mao im September 1957 mehrmals persönlich dazu auf, die gefiederten «Schädlinge» auszurotten, was wenig später in die «Kampagne zur Erschlagung der Spatzen» führte.
Rund zwei Milliarden
Vögel fielen der zweijährigen
Kampagne zum Opfer.
Die Hatz beginnt
Die Kampagne erlebte zwischen dem 19. bis 21. April 1958 ihren ersten Höhepunkt. Im ganzen Land, auf jedem Hof, in jedem Dorf, in jeder Stadt wurde über drei Tage hinweg zeitgleich mit Töpfen, Pfannen, Trommeln oder Gongs ein ohrenbetäubendes Spektakel aufgeführt. Man wollte den Spatzen den Garaus machen. Der chinesische Gelehrte Guo Moruo dichtete: «Du Mistvogel, Verbrecher seit tausenden Jahren, heute rechnen wir mit dir ab.»2 Mit Flatterbändern und langen Fahnenstangen hinderte man die erschöpften Tiere daran, auf den Bäumen zu landen und sich auszuruhen. Städte wurden von den militärisch organisierten Volkskommunen in Sektoren aufgeteilt. Ganze Schulen und Firmenbelegschaften beteiligten sich, zogen auf Hügel, Dächer, öffentliche Plätze, Parks, Wälder und Wiesen, um den Tieren keine Sekunde der Ruhe zu gönnen. Kinder machten mit Steinschleudern Jagd, Erwachsene mit Gewehren.3 Die Nester wurden ausgeräumt und zukünftige Brutstellen zerstört sowie mancherorts vergiftetes Futter ausgelegt. «Den ganzen Tag war so laut gescheppert worden, dass sich die Vögel nirgends niederlassen konnten und schliesslich tot vom Himmel fielen», so ein Augenzeuge.4 Filmaufnahmen aus dieser Zeit zeigen Lastwagenladungen voller toter Spatzen.5 Alleine in Peking waren gemäss der staatlichen Buchhaltung während der dreitägigen Jagd genau 401 160 Spatzen zur Strecke gebracht worden.2 Insgesamt fielen der zweijährigen Kampagne bis zu rund zwei Milliarden Vögel und damit der Grossteil der chinesischen Spatzenpopulation zum Opfer.1
Explosion der Schadinsekten
Tatsächlich sind Sperlinge Allesfresser, die neben Körnern und Samen vor allem während der Jungenaufzucht grosse Mengen an Insekten und deren Larven vertilgen.6 Da sie bis zu dreimal pro Jahr brüten (in guten Jahren auch viermal), gehören tierische Proteine im Frühjahr und Sommer ins feste Nahrungsspektrum. Sie machen in dieser Zeit 70 bis 80 Prozent des Nahrungsbedarfs aus.1 Die Einstellung des «Spatzenkriegs» in China war indes nicht freiwillig, da bald die katastrophalen ökologischen und humanitären Folgen sichtbar wurden. So konnten sich Schadinsekten explosionsartig vermehren, da die Spatzen als ihre natürlichen Fressfeinde plötzlich fehlten. Insbesondere die Populationen verschiedener Feldheuschreckenarten (Locustidae) vernichteten grosse Teile der Ernten.3
Mit der Eliminierung der Vögel war genau das Gegenteil des angestrebten Ziels erreicht worden, nämlich nicht die Erhöhung, sondern die deutliche Reduktion der Agrarproduktion. Die irrwitzige Idee, eine Vogelart komplett auszurotten, war, neben weiteren Faktoren wie Missmanagement, ein radikaler Umbau der Landwirtschaft, Abschaffung des Privateigentums und Naturkatastrophen für die grösste Hungersnot der Menschheit mit verantwortlich.
Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass in China zwischen 1959 und 1961 insgesamt rund 16,5 bis 45 Millionen Menschen den Hungertod starben.1 Neueren Berechnungen zufolge sollen etwa zwei Millionen von ihnen alleine auf das Konto «des Spatzenkriegs» gehen.1 Unter dem Eindruck der verheerenden Konsequenzen und dem Rat seiner Wissenschaftler folgend, entschied Mao im März 1960, die Hatz auf die Vögel zu beenden und stattdessen Bettwanzen auf die Liste der «vier Plagen» zu setzen.
Spatzenimport aus der Sowjetunion
Nach dem Zusammenbruch der Spatzenpopulation und den katastrophalen Folgen in China wurden Anfang der 1960er-Jahre rund 250 000 Feldsperlinge aus der Sowjetunion importiert, um wieder neue Populationen aufzubauen.1 Die meisten der heutigen Spatzen in China sind daher Nachkommen dieser eingeführten Vögel.3 Im Jahr 2000 wurden die Tiere unter Schutz gestellt. Fang, Verfolgung und Verzehr der Vögel steht seither unter Strafe. Mittlerweile haben sich die Populationen der Feld- und Haussperlinge in China wieder erholt und sind weit verbreitet, obwohl ihnen Pestizide auch heute noch schwer zu schaffen machen.3 Andere Vogelarten waren bei der «Ausrottung der vier Plagen» genauso mit unter die Räder gekommen. Inwieweit sie ihre ursprünglichen Bestände wieder erreicht haben, ist unklar.
Vergebliche Flucht aufs Botschaftsgelände
Eine kleine Episode zeigt, dass nicht alle Menschen das damalige Geschehen guthiessen. Als Peking im April 1958 vom Lärm der Kampagne erfüllt war, flohen viele Vögel auf das Gelände der polnischen Botschaft. Da die Botschaftsmitarbeiter sich weigerten, die Spatzen zu töten oder Vogeljäger auf ihr Territorium zu lassen, umringten chinesische Bürger das Botschaftsgelände.1, 7 Sie trommelten zwei Tage und Nächte lang ununterbrochen auf Töpfe, Pfannen und andere zum Krachmachen geeignete Gegenstände, sodass die Vögel ständig aufgeschreckt wurden und letztendlich ebenfalls erschöpft verendeten. Den polnischen Angestellten blieb danach nichts anderes übrig, als mit Schaufeln die toten Spatzen wegzuräumen.
Friedrich der Grosse … Spatzenfeind
Aber nicht nur in China wurde der Kampf gegen die Spatzen befohlen. In Österreich, Westfalen oder Preussen bliesen die Oberen schon rund 200 Jahre vor dem «grossen Sprung nach vorn» zur Ausrottung der Spatzen. So befahl Friedrich der Grosse im Jahr 1744, überall in Preussen die Sperlinge zu töten.8 Jeder sollte innerhalb einer bestimmten Frist eine gewisse Zahl von Sperlingsköpfen abliefern. Da die Ergebnisse dieses Aufrufs mancherorts bescheiden blieben, wurden die Bewohner des preussischen Städtchens Lingen in den Folgejahren bei Strafandrohung aufgefordert, alle «Nester dieser so schädlichen Thiere» an Häusern, Kirchen und Schulen zu vernichten. Trotzdem zeigten sich die Bürger nach wie vor unwillig. Zwar dürften vor allem die Kosten und der hohe Aufwand der wesentliche Grund für die Verweigerungshaltung der Lingener gewesen sein. Gegen die «Feinde» ihrer vermeintlich bedrohten Ernten taten sie unbewusst jedoch genau das Richtige, nämlich gar nichts.
Quellen:
1. Frank EG, et al.: Campaigning for extinction: Eradication of sparrows and the great famine in China. 2025; https://www.nber.org/system/files/working_papers/w34087/w34087.pdf.
4 Mein Leben unter zwei Himmeln: Eine Lebensgeschichte zwischen Shanghai und Hamburg. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-596-17921-3.
5 https://www.econtalk.org/frank-dikotter-on-maos-great-famine/ (ab 29:20 Min).
6 https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/voegel/portraets/feldsperling/.
7 https://www.youtube.com/watch?v=4p582-InqPA.
8 https://heimatverein-lingen.de/history/archivaliedesmonats/der-spatzenkrieg.
Bild: ©Lisa Basile Ellwood/AdobeStock

Newsletter
Jetzt anmelden!

