Gekommen, um zu schaden
Invasive Arten in der Schweiz
TEXT: KLAUS DUFFNER
Zusatzinfos zum Thema
Hier finden Sie weitere Informationen des Bundesamts für Umwelt zu gebietsfremden Arten und deren Auswirkungen.
https://www.bafu.admin.ch/de/gebietsfremde-arten
https://www.astrea-bulletin.ch/wp-content/uploads/2026/07/PDF_BAFU_DE.pdf
Invasive Arten, die durch den Menschen in neue Ökosysteme eingeführt wurden, sind meist «gekommen, um zu bleiben». Sie verdrängen heimische Arten, verändern Lebensräume, richten wirtschaftliche Schäden an oder können sogar die menschliche Gesundheit gefährden. Auch in der Schweiz gibt es derer zahlreiche Exemplare.
Prinzipiell muss man unterscheiden zwischen gebietsfremden und gebietsfremden invasiven Arten. Während sich die meisten gebietsfremden Arten unauffällig in unsere Ökosysteme einfügen und wir von manchen sogar profitieren, führen gebietsfremde invasive Arten zu Problemen. Sie verdrängen einheimische Arten und richten unterschiedliche wirtschaftliche Schäden an. Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) hat dazu vor wenigen Jahren eine ausführliche Übersicht veröffentlicht.1
Knapp 200 invasive Arten
Aktuell sind in der Schweiz insgesamt 1305 gebietsfremde Arten bekannt, davon 430 Tiere (knapp die Hälfte davon Insekten), 730 Pflanzen und 145 Pilze. Von ihnen gelten 197 als invasiv, nämlich 85 Tiere (davon 42 Wirbeltiere), 89 Pflanzen und 23 Pilze. Die meisten davon stammen aus Asien (41 %) und Nordamerika (30 %). Der grösste Teil dieser irgendwann problematischen Arten ist absichtlich eingeführt worden und dann aus der Gefangenschaft, dem Garten oder Gewächshäusern entkommen (41 %); dabei sind Pflanzen darin die am stärksten vertretene Gruppe. Jede fünfte Art der invasiven Kategorie wurde unbeabsichtigt (zum Beispiel als blinder Passagier) eingeschleppt, wobei hier die wirbellosen Tiere den grössten Anteil ausmachen. Bemerkenswerterweise sind 16 Prozent der invasiven Arten absichtlich ausgesetzt oder ausgebracht worden.
Als Bienenpflanzen eingeführt
Unter den in der Schweiz etablierten gebietsfremden Pflanzen wird der weitaus grösste Teil (fast 90 %) für Mensch und Umwelt als unbedenklich eingestuft. Viele, wie zum Beispiel der Persische Ehrenpreis, werden als farbenfrohe Bereicherung unserer Flora empfunden. Von den bedenklichen 88 invasiven Pflanzen gehören der Riesenbärenklau und die Amerikanische Goldrute zu den bekanntesten Arten. Beide Neophyten wurden als Bienenpflanzen eingeführt und verselbstständigten sich daraufhin. Während der Pflanzensaft des Riesenbärenklaus schwere, verbrennungsähnliche Blasen verursachen kann, ist die Goldrute eher durch ihre Dominanz eine Gefahr. Tatsächlich sind auf manchen Goldruten-Flächen die heimischen Arten vollkommen verschwunden. So ähnlich ist das auch beim Drüsigen Springkraut, das bereits 1839 als feuchtigkeitsliebende Zierpflanze nach England kam und von dort in kurzer Zeit das Festland eroberte. Heute wird es mit mässigem Erfolg bekämpft. Die Samen der sehr allergen wirkenden Ambrosie kamen ebenfalls schon vor vielen Jahrzehnten mit Sonnenblumenmischungen zu uns, entweder als Verunreinigung im Vogelfutter oder im Saatgut für landwirtschaftliche Kulturen.
Pilze bedrohen Bäume, Salamander und Krebse
Invasive Einschleppungen können einen dramatischen Verlauf nehmen. So geht das Eschentriebsterben auf den erst 2008 entdeckten Pilz «Falsche Weisse Stengelbecherchen» zurück. Darüber hinaus ist die Salamanderpest gefürchtet, obgleich noch nicht in der Schweiz angekommen. Allerdings muss in Zukunft auch hierzulande mit ihr zu rechnen sein. Dieser Pilz hat bereits in den Niederlanden, Belgien und Deutschland zahlreiche Salamanderpopulationen ausgelöscht und befindet sich in starker Ausbreitung. Im Jahr 2020 wurde er erstmals in Bayern nachgewiesen. Ein bekanntes Beispiel für die Einbringung eines Pilzes durch den Menschen ist die Krebspest. Sie wurde über nordamerikanische Krebsarten («Speisekrebse») schon vor Längerem in die Schweiz eingeschleppt und verläuft bei einheimischen Krebsen fast immer tödlich. Mittlerweile krabbeln vier invasive Flusskrebsarten in Schweizer Gewässern herum. Aus den Zuflüssen des Schwarzen Meeres (Pontokaspis) stammt hingegen die Quaggamuschel. Sie wurde vermutlich über die Binnenschifffahrt in Europa verbreitet und macht durch Massenauftreten bis in die tiefen Seenregionen (zum Beispiel Neuenburgersee oder Bodensee) grosses Kopfzerbrechen. Denn diese Muschel bringt einerseits ganze Ökosysteme durcheinander, andererseits können Rohrsysteme zur Gewinnung von Trinkwasser dermassen verstopft werden, dass sie mit hohem Aufwand gereinigt werden müssen.
Motten und Käfer
Unter den gebietsfremden Arten innerhalb der wirbellosen Tiere in der Schweiz stellen die Insekten mit 296 Spezies die grösste Gruppe dar. Unter ihnen sind 21 etablierte gebietsfremde Schmetterlingsarten, wobei zwei als wirtschaftlich bedeutend gelten. Während der Buchsbaumzünsler aus China starke Schäden an kultivierten Buchsbäumen und wilden Buchswäldern anrichtet, verursacht die Rosskastanienminiermotte aus Südosteuropa starken Kahlfrass an Rosskastanien. Beide Arten sind über Pflanzenimporte in Europa eingeschleppt worden. Unter den invasiven Käfern hat vor allem der Japankäfer in den vergangenen Jahren für Furore gesorgt. Er wurde vor nicht allzu langer Zeit ins Südtessin eingeschleppt. Die adulten Tiere verursachen Schäden, indem sie die Blätter, Blüten und Früchte zahlreicher Wild- und Kulturpflanzen fressen, während die Larven die Wurzeln angreifen. Der Asiatische Marienkäfer (Harmonia axyridis) wurde für die biologische Schädlingsbekämpfung gegen Blattläuse in Gewächshäusern absichtlich in verschiedene europäische Länder eingeführt. Von dort hat sich die Art selbstständig auch in der Schweiz ausgebreitet und explosionsartig vermehrt. Mancherorts ist dadurch die Zahl einheimischer Marienkäfer zurückgegangen.
Grosse Hornissen und kleine Ameisen
Die Tigermücke wurde erst vor wenigen Jahren in Europa eingeschleppt, wahrscheinlich über kleine Wasseransammlungen in Schiffsladungen voller gebrauchter Autoreifen. Sie ist tagaktiv und ein lästiger Plagegeist. Gleichzeitig hat sie die Fähigkeit, Krankheiten wie Dengue- und Chikungunya-Fieber, das Zika-Virus und andere Erreger zu übertragen.
Eine reale Gefahr für die europäische Imkerei könnte die Asiatische Hornisse werden, die über Warentransporte 2004 nach Frankreich verschleppt wurde. Das eher dunkle Tier fängt in grossem Umfang die Bienen vor den Bienenstöcken und schwächt damit die Völker. Die Detektion und Zerstörung ihrer grossen Nester hoch oben in den Bäumen gestaltet sich vielerorts als schwierig und es ist unwahrscheinlich, dass diese Hornisse jemals wieder vertrieben werden kann.
Die Einschleppung der Grossen Drüsenameise aus dem Mittelmeerraum erfolgte überwiegend über die Einfuhr mediterraner Gehölze wie Oliven- und Feigenbäume. Die im Tapinoma-nigerrium-Artkomplex zusammengefassten Ameisen bauen ein weit verzweigtes System von untereinander in Verbindung stehenden Nestern mit vielen Königinnen. Da die Art ihre Nester gern in Siedlungsbereichen anlegt, wird ein Befall meist durch Unterhöhlung von Fundamenten, Gehwegplatten und Pflastersteinen bemerkt. Es kann zu Schäden an Gebäuden, der Infrastruktur und zur Störung der Stromversorgung kommen.
Wehe, wenn der Ochsenfrosch kommt
Neben rund 20 gebietsfremden Fischarten haben sich in der Schweiz auch mehrere invasive Wasserfroscharten etabliert. Sie machen den einheimischen Amphibien das Leben schwer, aber sind nichts im Vergleich zu einer gigantischen Froschart, deren Ankunft in Zukunft befürchtet wird. Der amerikanische Ochsenfrosch ist eine ernsthafte Bedrohung für die heimische Tierwelt. Er frisst alles, was in sein gefrässiges Maul passt: Schnecken, Fische, andere Frösche oder kleine Vögel. Zwar gibt es für die Schweiz noch keine wildlebenden Populationen, allerdings ist er in der nördlichen Oberrheinebene (Raum Karlsruhe) bereits etabliert. Dort wurden im Jahr 2025 rund 16 000 Kaulquappen mit Netzen gefangen und fast 7000 Frösche geschossen. Immerhin konnte man so die Population an einer weiteren Ausbreitung hindern.
Vergleichsweise wenig Schäden durch Vögel und Säugetiere
Bei hochmobilen wandernden Vögeln ist es nicht immer einfach nachzuweisen, ob ein Tier natürlich eingewandert ist oder es aus menschlicher Obhut stammt. In der Schweiz brüteten 225 heimische und bislang mindestens 21 gebietsfremde Vogelarten im Freiland. Zu letzteren gehören in der Schweiz der Fasan, die Mandarinente, die Nilgans und die Rostgans. Die Rostgans kann Schleiereulen und Turmfalken aus Nisthöhlen mit zu grosser Öffnung vertreiben. Auch Weisswangengans, Kanadagans, Halsbandsittich oder die Braunkopf-Papageimeise könnten sich bald dauerhaft ansiedeln.
Unter den 10 gebietsfremden Säugetieren gelten acht als invasiv, allerdings ohne bislang grössere Schäden anzurichten. So leben Sikahirsche lediglich nördlich des Rheins in den Kantonen Schaffhausen und Zürich. Obwohl der Waschbär bereits in den 1970er-Jahren aus Deutschland die Schweiz erreichte, gilt der Bestand als sehr klein. Ursprungsland ist Nordamerika. Dagegen stammt die Nutria aus Südamerika und geht auf Populationen zurück, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts aus Pelzfarmen in Frankreich und Deutschland ausgebüchst sind. In der Schweiz tauchte das Nagetier in der Ajoie, im Genferseebecken, bei Basel, entlang des Rheins und seit Kurzem im Tessin auf. Da sie Uferbereiche von Fliessgewässern beschädigen können, werden Nutrias systematisch eliminiert. Auch Bisamratten, die in den 1930er-Jahren zu Hunderten aus einer Pelztierfarm bei Belfort entwichen sind, können Uferbereiche untergraben.
Gekommen, um zu bleiben
Die meisten dieser gebietsfremden respektive invasiven Arten haben bei uns keine oder kaum natürliche Feinde, Krankheitserreger oder Nahrungskonkurrenten. Sie breiten sich deshalb häufig rasant aus und passen sich gleichzeitig an die neue Umgebung an. Trotz vielfacher und zum Teil intensiver Massnahmen, die Neuankömmlinge zurückzudrängen, werden die meisten von ihnen bleiben. Ziel der Bekämpfungsstrategien wird es daher sein, eine unkontrollierte Ausbreitung zu verhindern und die heimischen Ökosysteme zu schützen. Die Natur wird mit der Zeit Gegenstrategien entwickeln und die neuen Arten in ein Gleichgewicht einfügen. Wenn man sie lässt, wird letztlich die Natur dieses menschengemachte Problem reparieren.
Strategie der Schweiz zu invasiven gebietsfremden Arten

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