Warum es auf der Haut juckt
Prutitus
TEXT: KLAUS DUFFNER
Rund ein Viertel der Europäer leiden mindestens einmal im Leben an chronischem Juckreiz. Die Ursachen dafür sind extrem unterschiedlich – allen Betroffenen gemeinsam ist jedoch das fast unstillbare Verlangen nach Linderung durch Kratzen.
Fast alle entzündlichen Dermatosen, aber auch viele andere Erkrankungen sind mit Pruritus verbunden. Die zugrunde liegenden Ursachen können dermatologischer, endokrinologisch/metabolischer, infektiologischer, entzündlicher oder onkologischer Natur sein – mit anderen Worten: sehr vielfältig.
Chronischer Juckreiz ist kein Symptom,
sondern ein komplexes Zusammenspiel
unterschiedlichster Ursachen.
Juckreiz und Kratzen – ein Teufelskreis
Durch chronischen Juckreiz und wochenlanges massives Kratzen kommt es zu wiederum stark juckenden kuppelförmigen Knoten auf der Haut (Prurigo nodularis). Dabei haben die Patienten nur beschränkt Einfluss auf das Geschehen, denn bis zu zwei Drittel des Kratzverhaltens passiert im Schlaf. Die wichtigsten Dermatosen, die zu Prurigo führen können, sind Mastozytose, Urtikaria, Lichen planus, Dermatitis herpetiformis, Dermatophytose, Ekzeme, bullöses Pemphigoid, Photosensibilität, Varizellen, Psoriasis, Angioödeme, Skabies, Hautlymphome, Hauttrockenheit und Reaktionen auf verschiedenste Medikamente. Insgesamt ist die Prurigo nur schwer zu behandeln, weshalb sich die Betroffenen auf eine lange Behandlungsdauer einrichten sollten. Neuere Forschungen zeigen, dass für die Entwicklung der Prurigo nodularis Fibroblasten und die Rolle von Interleukin 31 (IL-31) entscheidend sind. Entsprechend lässt sich mittels einer Hemmung von IL-31, aber auch IL-4 und IL-13 auf die Prurigo einwirken. Die Strategie, solche Zytokine zu blockieren, verfolgen zwei bereits zugelassene Antikörper.
Juckreiz durch internistische Krankheiten
Eine ganze Reihe von Lebererkrankungen können zu erhöhter Gallensäure-, Bilirubin-, Lysophosphadin- und Autotaxinspiegel – und damit zu Juckreiz führen. So leiden 40 Prozent der Patienten mit chronischen Lebererkrankungen unter Pruritus. Verantwortlich sind periphere Mediatoren wie Lysophosphadin und das Enzym Autotaxin, da sie freie C-Nervenfasern direkt aktivieren. Gleichzeitig werden unter anderem neuronale Interaktionen im Epithel ausgelöst, die den Juckreiz verstärken. Chronische Niereninsuffizienz (CKD) geht genauso häufig mit Juckreiz einher. Ein solcher nephrogener Pruritus tritt verstärkt in der Nacht auf. Sehr häufig ist bei den Patienten eine extrem trockene Haut zu beobachten, auch Kollagenosen sowie diffuser Haarverlust sind hingegen typisch.
Unter den Typ-2-Diabetikern leiden bis zu 36 Prozent unter Pruritus, wobei die diabetische Neuropathie und die damit zusammenhängende Schädigung der Nervenfasern, aber auch entzündliche Zytokine eine zentrale Ursache spielen. Etwa 8 Prozent des chronischen Pruritus sind neuropathischen Ursprungs, das heisst, er geht auf Störungen des zentralen oder peripheren Nervensystems zurück. Die Patienten berichten häufig über ein Stechen oder Kribbeln auf der Haut. Vier von fünf Patienten mit neuropathischen Schmerzen leiden zusätzlich unter Juckreiz. Er tritt häufig zusätzlich in der Nacht auf. Auch Schlaganfall oder traumatische Hirn- oder Rückenmarksläsionen können Juckreiz auslösen. Manche Patienten mit Herpes-zoster-Ausbruch können ebenfalls unter Pruritus leiden – und zwar über das Ende der Erkrankung weit hinaus. Als Grund wird eine Schädigung der peripheren Nerven durch das Virus angenommen. Zur topischen Behandlung des neuropathischen Pruritus werden als Mittel der Wahl Capsaicin-Cremes oder Capsaicin-Pflaster empfohlen.
Wenn es am After juckt
An Juckreiz am After leiden rund viermal so viele Männer wie Frauen. Bis ein Arzt wegen dieses unangenehmen Leidens aufgesucht wird, vergehen häufig viele Monate. Die Ursachen können sehr unterschiedlich sein; allen Betroffenen gemeinsam ist jedoch das Kratzen. Häufig spielen rektale Verunreinigungen eine wichtige Rolle. Sie sind nicht selten mit proktologischen Erkrankungen wie Hämorrhoiden, Prolaps, Fissuren, Abszessen oder Fisteln verbunden. Die Ursachen von Hämorrhoiden lassen sich einerseits auf den Lebensstil mit zu geringer Flüssigkeitsaufnahme oder faserarmer Kost zurückführen. Andererseits können anatomische Veränderungen des Beckenbodens die Hämorrhoidalbeschwerden begünstigen.
Übergewicht, Schwangerschaften und chronischer Husten gelten ebenfalls als Risikofaktoren. Entsprechend sind die ersten Massnahmen mehr Bewegung, ausreichend Flüssigkeitszufuhr und genügend Ballaststoffe im Essen. Weitere Schritte können Cremes, Salben oder Suppositorien sein, erst bei sehr hartnäckigen Hämorrhoiden sollte an chirurgische Massnahmen gedacht werden.
Infektionen sind ebenso nicht selten Ursache des Juckens und Kratzens im Perianalbereich. Dabei spielen Streptokokken oder Candida- und Dermatophyten-Infektionen eine wichtige Rolle. Schliesslich können Herpes genitalis, Syphilis, andere bakterielle Infektionen wie Chlamydien oder Lymphogranuloma venereum oder Skabies den Beschwerden zugrunde liegen.
Auch Kontaktekzeme, atopische Ekzeme, Psoriasis inversa, Lichen ruber, Lichen sclerosus oder Steroidatrophien können juckende Beschwerden unterhalb der Gürtellinie hervorrufen. So sind allergische und irritative Kontaktekzeme recht häufig mit Puritus ani verbunden. Beim Lichen sclerosus klagen über 60 Prozent der Betroffenen über Juckreiz im Analbereich oder am Penis, wobei eine durch Urin verursachte lokale Reizung eine gewisse Rolle zu spielen scheint. Die topische Behandlung des Lichen sclerosus besteht vor allem aus Emollienzien und topischen Steroiden und in speziellen Fällen topischen Retinoiden, UV-Therapie oder photodynamischer oder Laser-Therapie. Weitere Tipps für Betroffene mit Juckreiz im Perianalbereich: Kratzen, parfümierte Feuchttücher, Seifen und scharfe Gewürze möglichst vermeiden und am besten nur mit warmem Wasser waschen.
Juckende Karzinome
Karzinome im Perianalbereich und allgemein auf der Haut können ebenfalls Juckreiz verursachen. Häufig stehen Anal- und Peniskarzinome in Verbindung mit einer Infektion mit Humanen Papillomviren (HPV). Während weniger als 20 Prozent der Patienten mit B-Zell-Lymphom vom Juckreiz betroffen sind, ist beim Sezary-Syndrom und bei T-Zell-Leukämie bei über 70 Prozent mit Juckreiz zu rechnen. Bei T-Zell-Lymphom-Patienten mit Juckreiz zeigen sich vor allem myeloische Zellen (z. B. Makrophagen) und Keratinozyten auffällig. So ist die Zahl der sensorischen Keratinozyten, die bei der Wahrnehmung von Schmerzen, Berührungen, Wärme und Kälte eine Rolle spielen, sehr stark erhöht. Werden Lymphome erfolgreich behandelt, verschwindet auch der Juckreiz.
Bild: ©KEA/AdobeStock

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