Curare
Das Pfeilgift der Indigenen Südamerikas
Autor: MONIKA LENZER
Der Begriff Curare kommt aus der Tupisprache der Ureinwohner Südamerikas und leitet sich von den Wörtern «ur» (kommen) und «ar» (fallen) ab, was seine Wirkung als Pfeilgift beschreibt.
Curare besteht aus verschiedenen Alkaloiden, die aus bestimmten Mondsamengewächsen und Brechnussarten gewonnen werden. Schon im 16. Jahrhundert beobachteten die ersten europäischen Eroberer bei ihren Reisen auf dem Amazonas in Südamerika, wie die einheimischen Völker aus Schlingpflanzen und Lianen das Pfeilgift Curare gewannen. Dazu wurde zunächst ein wässriger Extrakt hergestellt, der dann über dem Feuer langsam durch Verdampfen eingedickt wurde. Sie verwendeten dieses Gemisch bei der Jagd auf kleine und grössere Tiere, indem sie ihre Pfeilspitzen damit bestrichen. Sehr praktisch ist, dass Curare zwar bei der Aufnahme über die Blutbahn tödlich wirkt, aber bei der oralen Einnahme unbedenklich ist. Die Giftstoffe werden nämlich nicht resorbiert – die vergiftete Beute kann also bedenkenlos verzehrt werden.
Die Vielfalt von Curare
Bei der Herstellung von Curare hat jeder indigene Stamm seine eigene Rezeptur. Zudem wird der giftige Extrakt in verschiedenen Gefässarten aufbewahrt – dementsprechend gibt es Tubocurare, Topfcurare und Calebassencurare.
Tubocurare wird aus verschiedenen Arten der Mondsamengewächse (Menispermaceae) gewonnen, wobei vor allem die Rinde vom behaarten Knorpelbaum (Chondrodendron tomentosum) verwendet wird. Besonders in Guayana und im oberen Amazonasbecken ist Tubocurare üblich, wo es in der Regel in Bambusrohren aufbewahrt wird. Das Hauptalkaloid ist Tubocurarin, das intravenös eine LD50 von 0,23–0,70 mg/kg Körpergewicht für verschiedene Säugetiere hat.
Sehr ähnlich ist das Topfcurare, das allerdings in kleinen Tontöpfen konserviert wird und in der Gegend vom Orinocobecken anzutreffen ist.
Am giftigsten unter diesen drei Vertretern ist das Calebassencurare, das in ausgehöhlten Flaschenkürbissen gelagert wird. Es wird vor allem aus Strychnos toxifera und anderen Brechnussgewächsen (Loganiaceae) extrahiert. Insbesondere Toxiferin ist in diesem Gemisch das Hauptalkaloid, dessen LD50 bei der Maus rund 0,023 mg/kg Körpergewicht intravenös beträgt. In den Gebieten des heutigen Venezuelas und Kolumbiens ist es traditionell verbreitet.
Gegenspieler von Acetylcholin
Die Curarealkaloide sind kompetitive Antagonisten von Acetylcholin, das ein Transmitter in der Synapse zwischen motorischen Nerven und Muskeln ist. Dadurch wird der Acetylcholinrezeptor an der postsynaptischen Membran blockiert. Es kann somit keine Depolarisierung der quergestreiften Muskulatur mehr erfolgen. Die Folge sind gelähmte Muskeln, bis hin zum Tod durch Atemlähmung. Ein qualvoller Prozess, da das Bewusstsein bis zum Schluss voll vorhanden ist.
Bei einer Curarevergiftung ist es in erster Linie wichtig, dass der Patient beatmet wird, bis die Giftwirkung abnimmt. Als Gegenmittel können Cholesterinesterase-Inhibitoren eingesetzt werden. Indem sie das Enzym Cholinesterase blockieren, nimmt der Acetylcholinspiegel zu, wodurch das Curare verdrängt wird. Als Wirkstoff ist hier vor allem Neostigmin zu nennen.
Meilenstein bei der Operation
Curare hat eine grosse Rolle gespielt, um die Narkosetechnik zu revolutionieren. 1942 wurde Tubocurarin von dem kanadischen Arzt Harold R. Griffith (1894–1985) erstmals verwendet, als er eine Blinddarmoperation bei einem jungen Mann durchführte. Die Muskelentspannung des Patienten verbesserte sich, woraufhin die Konzentration des Narkosegases Cyclopropan reduziert werden konnte – dadurch wurde der Eingriff verträglicher.
Tubocurarin hat allerdings den Nachteil, dass vermehrt Histamin freigesetzt werden kann. Als Folge sind eine Konstriktion der Bronchien sowie ein Blutdruckabfall möglich. Heutzutage wurde Tubocurarin daher durch Nachfolgestoffe wie Mivacurium und Rocuronium ersetzt, die ein besseres Nebenwirkungsprofil haben.
Es ist faszinierend, wie ein uraltes Pfeilgift unsere moderne Medizin so stark beeinflusst hat.

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