Ein Schädling als Artenschützer
Borkenkäfer
TEXT: KLAUS DUFFNER
Ein Massenbefall mit Borkenkäfern kann enorme wirtschaftliche Schäden nach sich ziehen. Doch diese Kalamitäten haben eine Ursache: Klimaveränderung, Monokulturen sowie falsche Standortwahl. Letztlich können diese Insekten zum Aufbau von deutlich widerstandsfähigeren Lebensräumen beitragen.
Borkenkäfer haben das Potenzial, riesige Waldflächen zu zerstören. Gemäss einer Schätzung der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) haben Borkenkäfer allein im Jahr 2023 Bäume mit über 700 000 Kubikmetern Holz zum Absterben gebracht. In den Rekordjahren 2003 und 2019 waren es mit 1 350 000 und 1 490 000 Kubikmetern noch deutlich mehr. Sind die Bäume erst einmal betroffen, müssen sie schnellstmöglich herausgenommen werden, da sonst der Befall benachbarter Bäume droht. Wirtschaftlich betroffen sind vor allem Nadelbäume wie Fichte, Kiefer, Lärche, Weisstanne und Douglasie, aber auch Laubbäume wie die Buche.
Über 100 Borkenkäferarten in der Schweiz
In der Schweiz gibt es über 100, weltweit sogar rund 6000 Borkenkäferarten. Die meisten davon leben im Rindenbast von Bäumen und sind somit Rindenbrüter. Es gibt darüber hinaus Holzbrüter, die sich ausschliesslich im Holz entwickeln. Während Holzbrüter abgestorbene Bäume besiedeln und damit zum Beispiel Lagerholz entwerten können, entwickeln sich wenige Rindenbrüter auch in lebenden Bäumen. Sie bohren oft charakteristische Mutter- oder Larvengänge in die Rinde. Als wirtschaftlich bedeutendster Schädling in der Schweiz gilt der Grosse Achtzähnige Fichtenborkenkäfer (Ips typographus), genannt Buchdrucker. Der rund 5 Millimeter lange Käfer besiedelt vor allem Fichten, kann aber genauso Lärchen, Douglasien, bestimmte Kiefern und Weisstannen befallen. Dabei sind Jungbäume weniger gefährdet; bevorzugt werden ältere Exemplare ab einem Alter von rund 50 Jahren.
Die Vermehrungsrate des Buchdruckers ist extrem hoch. Je nach Höhenlage und Witterungsverlauf sind bis zu drei Generationen im Jahr möglich und aus einem Käferpärchen im Frühjahr können sich im Laufe des Jahres über 10 000 Nachkommen entwickeln. Auch der 2 bis 3 Millimeter messende Sechszähnige Fichtenborkenkäfer (Pityogenes chalcographus), bekannt als Kupferstecher, kann enorme Schäden verursachen. Er ist ebenfalls vor allem an Fichten zu finden, seltener an anderen Nadelhölzern wie Tanne, Douglasie oder Weymouthskiefer.
Trockenstress macht Bäume anfälliger
Gemäss der WSL ist die Entlaubung der Bäume durch Schmetterlingsraupen im 21. Jahrhundert zurückgegangen. Die Schäden durch Rinden- und Holzbohrkäfer an Nadelbäumen haben jedoch erheblich zugenommen. Das hat Gründe. So führten längere Hitze- und Trockenperioden dazu, dass Fichten einem erhöhten Stress ausgesetzt sind. In der Folge sind sie aufgrund ihres Harzflusses nicht mehr in der Lage, den Borkenkäfer abzuwehren.
Diese Abwehrmechanismen sind bei gesunden Bäumen sehr effektiv, wie im deutschen Max-Planck-Institut für chemische Ökologie in einer aktuellen Studie festgestellt wurde. Die Fichten produzieren in ihrem klebrigen Harz eine sehr komplexe Mischung verschiedener Abwehrsubstanzen. Die Wissenschaftler stellten fest, dass die darin enthaltenen Monoterpene sehr spezifisch gegen die Käfer oder gegen zersetzende Pilze wirken und sogar effektiver als Insektizide sind. Bei geschwächten Bäumen oder zu vielen Eindringlingen funktioniert dieser Schutzmechanismus jedoch nicht mehr. Gleichzeitig sind Fichtenmonokulturen, wie sie in vielen Regionen noch vorherrschen, wesentlich störungsanfälliger als Mischwälder. Für Borkenkäfer bieten Monokulturen ein Schlaraffenland, da unzählige Brutbäume auf kürzester Distanz zu finden sind. Nicht selten stehen solche Kulturen zudem auf ungeeigneten Standorten, was die Anfälligkeit gegen Käferfrass wiederum erhöht. Kommen noch ein milder Herbst und ein trockenes, warmes Frühjahr hinzu, steht einer Massenvermehrung nichts mehr im Weg.
Rasche Naturverjüngung nach Befall
Letztlich sind die Zerstörungen der Borkenkäfer nur ein Abbild der von Menschen gemachten Fehler. Die kleinen Krabbler haben eigentlich eine ökologisch sehr wichtige Funktion im Wald. Sie sind die ersten Insekten, die nach dem Absterben eines Baums in die Rinde eindringen und mit dem Abbau des Totholzes beginnen. Dies bietet Nährstoffe für junge Baumsprösslinge. So wurde in den 1990er-Jahren im Nationalpark Bayerischer Wald beobachtet, wie nach der Borkenkäferzerstörung eine natürliche Regeneration stattfand. Die Naturverjüngung auf den befallenen Flächen ging unerwartet schnell vonstatten. Beispiel der Berg Lusen: Nachdem in den späten 1980er-Jahren durch Sturm und Borkenkäfer nur noch ein Meer aus toten Fichten übriggeblieben war, ist dort heute ein gesunder, artenreicher Mischwald herangewachsen, der als «Wald der Zukunft» gilt. Auch in Tschechien verursachte der Borkenkäfer in den trockenen und warmen Jahren von 2014 bis 2018 erhebliche wirtschaftliche Schäden und ein deutlich verändertes Landschaftsbild.
Wissenschaftler stellten jedoch in drei repräsentativen Gebieten fest, dass sich bereits vier Jahre nach dem Höhepunkt des Befalls eine überraschend reiche Lebensgemeinschaft mit vielen gefährdeten Arten neu gebildet hatte. In einer ganz aktuellen Studie der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft wurde anhand von Daten aus fast 30 Jahren untersucht, wie sich das Vorkommen von Borkenkäfern auf die Bestände von Spechten in 40 Schweizer Regionen auswirkt. Die Forscher stellten fest, dass das zusätzliche Angebot an Totholz die Spechtpopulationen anwachsen lässt. Zudem werde die Biodiversität deutlich erhöht. Die von den Vögeln ins abgestorbene Holz gemeisselten Höhlen bieten anderen Tierarten neue Schutz- und Bruträume. So profitieren sekundär auch Eulen, Singvögel, Fledermäuse, Siebenschläfer und viele Insekten wie beispielsweise Wildbienen, Wespen, Hummeln und Hornissen von der Arbeit der gefiederten Zimmerleute und vom Zerstörungswerk der Borkenkäfer.
Foto: ©Tomasz/AdobeStock

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