Colchicin: die Herbstzeitlose
Pflanzengifte
Autor: MONIKA LENZER
Die Herbstzeitlose zählt eindeutig zu den Giftpflanzen und doch hat sie einen festen Platz in der Medizin.
Auf feuchten Wiesen ist die Herbstzeitlose (Colchicum autumnale) an sonnigen bis halbschattigen Standorten in Europa anzutreffen. Der Gattungsname Colchicum bezieht sich übrigens auf das antike Gebiet Kolchis am Schwarzen Meer. Die griechische Mythologie berichtet, dass wir der zauberkundigen Medea die Herbstzeitlose zu verdanken hätten. Sie verspritzte versehentlich ein paar Tropfen von einem Kräutersud, mit dessen Hilfe sie den alten Vater von Jason verjüngen wollte – daraus sprossen Herbstzeitlosenpflanzen.
Ein besonderes Merkmal ist deren atypischer Vegetationszyklus: Erst im Herbst erscheinen die hellvioletten, krokosähnlichen Blüten – ganz ohne Blätterkleid. Aus diesem Grund wird das Zeitlosengewächs (Colchicaceae) in England «naked lady» genannt. Im Frühjahr wachsen dann aus der Knolle die breitlanzettlichen Blätter zusammen mit einer Samenkapsel.
Colchicin – ein Spindelgift
In allen Pflanzenteilen befindet sich das giftige Tropolon-Alkaloid Colchicin. Dem deutschen Chemiker Philipp Lorenz Geiger (1785–1836) gelang es, diesen Inhaltsstoff erstmals 1833 zu isolieren. Die letale Dosis für einen Erwachsenen liegt bei etwa 20 mg Colchicin. Mit einem durchschnittlichen Gehalt von 0,3–0,5 Prozent können bereits 5 g Samen tödlich sein. Ebenso kann ein «Salat» aus 50 bis 60 g Blättern letal enden, wobei die Colchicin-Menge zwischen 0,07–2 Prozent schwanken kann.
Colchicin ist ein Spindelgift; es hemmt die Zellteilung, indem es an Tubulineinheiten bindet und so die Bildung von Mikrotubuli hemmt. Zur Erinnerung: Mikrotubuli sind lange, röhrenartige Proteinstrukturen, die aus den Bausteinen alpha-Tubulin und beta-Tubulin bestehen. Microtubuli sind elementare Bestandteile des Zellskeletts und spielen eine wichtige Rolle bei der Bildung des Spindelapparats, der die Chromosomen bei der Zellteilung auseinanderzieht.
Tödlicher Verlauf
Colchicin löst eine breite Palette an Vergiftungsbeschwerden aus, die etwa zwei bis fünf Stunden nach der Gifteinnahme auftreten. Brennen im Mund mit Schluckbeschwerden sind erste Symptome. Typische Anzeichen sind zudem Magen-Darm-Störungen wie Übelkeit, Erbrechen und insbesondere Durchfall. Der Tod wird schliesslich durch Atemlähmung oder Kreislaufversagen ausgelöst. Wie bei vielen Giftpflanzen gibt es auch für die Herbstzeitlose kein Gegengift, die Behandlung auf der Notfallstation erfolgt rein symptomatisch.
Gefährliche Ernte
Colchicin wurde in der Vergangenheit manchmal für Morde missbraucht. So wurde in den Kieler Nachrichten 1995 berichtet, dass ein ehemaliger Pharmareferent das Gift in den Johannisbeerlikör seiner Frau gemischt habe, woraufhin sie nach vier Tagen verstarb.
Viel häufiger informieren die Medien im Frühjahr über Vergiftungen, wenn Bärlauchsammler irrtümlicherweise die Blätter der Herbstzeitlosen in ihren Korb legen. Laut Tox Info Suisse wurde in der Schweiz in den letzten 24 Jahren über vier Fälle mit einem tödlichen Verlauf berichtet.
Der Kenner weiss, dass der Bärlauch im Gegensatz zur Herbstzeitlosen einen Stiel hat; dies ist ein gutes Unterscheidungsmerkmal. Ausserdem sind die Blätter der Herbstzeitlosen nahezu geruchlos, während der Bärlauch einen intensiven Knoblauchduft verströmt.
Lange medizinische Tradition
Bereits der griechische Arzt Dioskurides (1. Jh. n. Chr.) berichtete über die Anwendung der Herbstzeitlosen bei Gicht und Rheuma. Aktuell ist in der Schweiz ein Arzneimittel mit Colchicin für die Behandlung eines akuten Gichtanfalls zugelassen. Dabei stoppt Colchicin unter anderem die Wanderung von Leukozyten zu den Gelenken, wo ausgefallene Harnsäurekristalle entzündliche Prozesse in Gang setzen. Achtung: In der Patienteninformation wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Höchstdosis von 2 mg Colchicin innerhalb von 24 Stunden nicht überschritten werden solle.
Die Herbstzeitlose ist ein sehr gutes Beispiel für den bekannten Spruch von Paracelsus (1493–1541), dass die Dosis das Gift mache.

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