Aminosäuren

Lysin, der Herpesvirus-Bremser

Autor: KLAUS DUFFNER

Lysin ist eine essenzielle Aminosäure, die wichtige Aufgaben bei der DNA-Transkription, der Zellteilung und beim Wachstum übernimmt. Die Aminosäure stärkt auch die Immunabwehr; in Medikamenten gegen Lippenherpes macht man sich diese Eigenschaft zunutze.

Die Aminosäure Lysin ist als L-Lysin und D-Lysin bekannt. Während in Proteinen ausschliesslich L-Lysin vorkommt, hat D-Lysin als basische Komponente in Arzneistoffsalzen, beispielsweise in Acetylsalicylsäure, eine gewisse Bedeutung. Lysin ist eine essenzielle Aminosäure, die nicht vom Körper hergestellt werden kann und deshalb über die Nahrung aufgenommen werden muss.

Vor 130 Jahren entdeckt

Schon Ende des 19. Jahrhunderts war Chemikern klar, dass Proteine nicht nur aus der einen bis dahin entdeckten Aminosäure Phenylalanin bestehen konnten, sondern dass noch weitere Bausteine daran beteiligt sein mussten. Bei der Untersuchung von Casein, des wichtigsten Proteins von Milch, Quark und Käse, konnte um das Jahr 1900 erstmals Lysin isoliert und dessen Zusammensetzung und Struktur aufgeklärt werden. Lysin besitzt zwei basische Aminogruppen und liegt überwiegend als Salz vor.

Die Aufgaben von Lysin im Körper sind sehr vielfältig: Es ist wichtiger Baustein für Proteine und Aminosäuren, spielt eine bedeutende Rolle bei der Modifikation von Histonen, die wiederum essenziell beim Ablesen und Umschreiben (Transkription) der DNA in RNA sind. Die Aminosäure wird überdies für den Aufbau von Kollagenpolypeptiden, die Aufnahme von Mineralstoffen und den Fettsäurestoffwechsel gebraucht. Da Lysin aktiv an der Zellteilung beteiligt ist, hat es auch für die Wundheilung eine grosse Bedeutung. Bekannt ist Lysin zudem als Unterstützer des Immunsystems. So soll es die Abwehr gegen Viren stärken und beispielsweise die Häufigkeit und Schwere von Lippenherpes-Infektionen reduzieren. Bei Fieber, Schlafmangel oder Stress werden Herpesviren aktiviert und an die Hautoberfläche gebracht, wo sie sich explosionsartig vermehren. Man geht heute davon aus, dass Herpesviren für ihre Entwicklung auf die Aminosäure Arginin angewiesen sind. Da Arginin durch Lysin verdrängt wird, lindert es die schmerzhaften Symptome an den Lippen. Dagegen führt ein Mangel an Lysin zu Wachstumsstörungen einschliesslich defektem Bindegewebe, gestörtem Fettsäurestoffwechsel und Anämie sowie einer reduzierten Immunabwehr. Bei der bakteriellen Zersetzung von Lysin in verwesenden tierischen oder menschlichen Körpern wird es unangenehm. Denn aus der Aminosäure entsteht Cadaverin, das ein Bestandteil des übelriechenden Leichengifts ist.

Fisch, Fleisch und Milchprodukte

Die wichtigste natürliche Quelle für Lysin sind Lebensmittel wie Fisch, Fleisch, Eier und Milchprodukte. In geringerem Umfang findet sich die Aminosäure auch in Hülsenfrüchten (Linsen, Erbsen, Bohnen) und Sojabohnen. Ihr täglicher Bedarf wird mit 30 bis 38 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht angegeben. Lysin kann über frei verkäufliche Nahrungsergänzungsmittel, üblicherweise Kapseln, zugeführt werden. In Produkten zur künstlichen Ernährung ist ebenfalls die Aminosäure in Kombination mit anderen Nährstoffen enthalten. Daneben wird es als Wirkbeschleuniger beim Schmerzmittel Ibuprofen, zur Stärkung des Immunsystems sowie in Medikamenten gegen Herpes-Infektionen eingesetzt. Für letztere wird eine tägliche Dosierung von 1,5 bis 3 Gramm L-Lysin empfohlen.

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