Eine alte Heilpflanze findet den Weg in Apotheken und Arztpraxen
Cannabis sativa
TEXT: STEFAN MÜLLER
Einst als Droge verachtet, heute in zahlreichen Apotheken erhältlich: Cannabis hat viele medizinische Anwendungen wie gegen Schmerzen, Krampfanfälle oder zum Schlafen.
Die Kulturpflanze Hanf oder Cannabis gehört schon seit Jahrtausenden zu unserem Alltag als Heil- oder Nutzpflanze: Aus den aus ihr gewonnenen Fasern lassen sich etwa Seile oder Textilien herstellen. In der Naturheilkunde hat die Pflanze seit jeher einen festen Platz, zum Beispiel gegen Schmerzen oder zum Entspannen. Ebenso als Rauschmittel wie Haschisch oder Marihuana, die aus den getrockneten Blüten und den blütennahen Blättern gewonnen werden.
Das hat sich jäh geändert, als Hanf im Jahr 1951 als Betäubungsmittel eingestuft und zehn Jahre später weltweit verboten wurde. «Der medizinische Nutzen geriet dadurch in den Hintergrund, aber dafür wurde Cannabis populär als Rauschmittel», sagt Manfred Fankhauser von der Bahnhof Apotheke in Langnau BE und Pionier auf dem Gebiet des Medizinalcannabis. Die Bahnhof Apotheke stellt selbst Cannabispräparate her. Seit Fankhauser seine Doktorarbeit vor 30 Jahren zum Thema «Haschisch als Medikament» abgeschlossen hatte, liess ihn diese Pflanze nicht mehr los. «Die vielen Therapiemöglichkeiten sowie das grosse und teilweise noch verborgene Potenzial von Cannabis faszinieren mich, aber auch das Spannungsfeld zwischen Droge und Heilmittel», sagt Fankhauser.
Grosse Entdeckung
Der Tatsache, dass heute Cannabispräparate in den Apotheken mehr oder weniger frei erhältlich sind, ging eine lange und steinige Geschichte voraus. Durch das Verbot erhielt die Heilpflanze einen zweifelhaften Ruf. Die Forschung auf diesem Gebiet stockte, soweit sie überhaupt erlaubt blieb. Erst als in den 1990er-Jahren das Endocannabinoid-System im menschlichen Körper entdeckt wurde, kam wieder Schwung in die Forschung. «Das war ein Meilenstein», so Fankhauser.
Das Endocannabinoid-System ist wichtig im menschlichen Körper. Es besteht aus Andockstellen für körpereigene Endocannabinoide und funktioniert wie ein Schlüssel-Schloss-System. Durch diese Entdeckung begann man zu verstehen, wie die pflanzlichen Cannabinoide auf dieses System einwirken. Cannabinoide haben nämlich die Fähigkeit, das körpereigene Endocannabinoid-System, ein Kommunikationssystem zwischen Gehirn und Körper, zu beeinflussen – beispielsweise mit Wirkungen auf das Immunsystem, die Stimmung, das Gedächtnis, den Schlaf oder den Appetit.
Vielfältige Wirkungen
Zu den wichtigsten Inhaltstoffen der Cannabispflanze gehören – neben vielen anderen chemischen Bestandteilen – die «Cannabinoide», von denen bereits über 125 identifiziert wurden. Die am besten erforschten sind Tetrahydrocannabinol (THC) – medizinisch auch als Dronabinol bezeichnet – und Cannabidiol (CBD).
Dronabinol wirkt schmerzlindernd, muskelentspannend und ist gegen Übelkeit und Erbrechen wirksam. Es kann weiter den Appetit anregen und den Schlaf verbessern. In hohen Dosen wirkt die Substanz hingegen berauschend und kann «high» machen. «Bei oralen, therapeutischen Dosierungen ist diese psychoaktive Wirkung jedoch eher selten», sagt der Apotheker.
Cannabidiol wirkt antiepileptisch, angstlösend, entzündungshemmend und entspannend. Selbst in hohen Dosen führt die Substanz nicht zu «high»-Gefühlen. Fankhauser: «Im Gegenteil: CBD kann in Kombination mit THC dessen psychoaktive Effekte vermindern.» Beide können deshalb sowohl einzeln als auch in Kombination ärztlich verordnet werden.
Cannabinoide (auch THC) sind in therapeutischen Dosen gut verträglich und haben wenig Nebenwirkungen. Die häufigsten unerwünschten Nebenwirkungen sind Mundtrockenheit, Müdigkeit und allenfalls Schwindel. Vorsicht gilt bei Personen mit gewissen psychiatrischen Vorerkrankungen, Schwangeren oder Stillenden. Ausserdem kann durch die Müdigkeit die Fahrtauglichkeit beeinträchtigt werden.
Trotz breitem Wirkstoffspektrum sind bei Cannabis kaum Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten bekannt. Einzig bei sehr hohen Dosen von CBD muss die Kombination mit gewissen anderen Medikamenten (zum Beispiel bestimmte Antiepileptika) überwacht werden. Schliesslich weist Cannabis eine geringe Toxizität auf, somit ist das Risiko einer Suchtentwicklung bei korrekter Anwendung gering.
Rechtlich vereinfacht
Vor rund zehn Jahren haben Bundesrat und Parlament eine wichtige rechtliche Weiche gestellt: Cannabis wurde mit einer Sonderbewilligung des Bundesamts für Gesundheit für medizinische Zwecke erlaubt. Cannabispräparate sind seitdem erheblich leichter erhältlich. «Bis vor wenigen Jahren war Dronabinol mit mehr als einem Prozent THC-Gehalt bewilligungspflichtig», sagt Fankhauser. Heute würden jedoch solche «Magistralpräparate» dem Betäubungsmittelrecht unterstehen und können mit einem Rezept vom Arzt oder von der Ärztin wie Opiate verschrieben werden.
Seit 2022 dürfen zudem grundsätzlich alle Apotheken magistrale Cannabispräparate herstellen. Dennoch haben sich bisher nur wenige Apotheken darauf spezialisiert, so wie die Bahnhof Apotheke in Langnau oder die Stauffacher Apotheke in Zürich. «Dies hat sicher auch damit zu tun, dass die Herstellung der verschiedenen galenischen Formen zum Teil sehr aufwendig ist und viel Fachwissen erfordert», so Fankhauser.
Trotz Liberalisierung gibt es in der Schweiz erst zwei Cannabinoid-haltige Medikamente, die von Swissmedic zugelassen sind: ein CBD-haltiges Antiepileptikum und ein THC-haltiger Mundspray bei MS mit ausgeprägter Spastik. Alle anderen verfügbaren THC- oder CBD-haltigen Präparate sind sogenannte Magistralrezepturen. Das heisst, diese werden auf ärztliche Verschreibung hin individuell von einer dafür spezialisierten Apotheke hergestellt, meistens in Form von Tropfen, Kapseln oder Inhalationslösungen.
Obschon Hanf laut Apotheker Fankhauser kein Wundermittel ist, können viele zum Teil schwer leidende Patientinnen und Patienten von dieser Therapieoption profitieren. Er wünscht sich, dass sich Cannabis in den nächsten Jahren in der Medizin wieder etablieren werde wie vor über 100 Jahren, als Cannabis noch ein normales und geschätztes Arzneimittel war.
Anwendungsbiete
THC
• Spastik bzw. Muskelkrämpfe; z. B. bei Multipler Sklerose, amyotropher Lateralsklerose (ALS), Querschnittslähmung, Zerebralparese, Morbus Parkinson, Morbus Alzheimer u. a.
• Chronische Schmerzen; z. B. neuropathische Schmerzen, Tumorschmerzen, Schmerzen bei Polyarthritis, Fibromyalgie, Migräne, Kopfschmerzen u. a.
• Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit und Abmagerung;
z. B. bei Krebspatienten
• Neurologische Erkrankungen; z. B. Tourette-Syndrom,
Restless-Legs-Syndrom, Dyskinesien u. a.
• Glaukom (grüner Star)
• Schlafstörungen
CBD
• Frühkindliche, therapieresistente Epilepsieformen (Dravet-Syndrom, Lennox-Gastaut-Syndrom)
• Angststörungen und Panikattacken
• Chronische Entzündungen und Schmerzen
• Ver-/Anspannungen
• Depressive Verstimmungen
• Linderung von Symptomen beim Entzug von anderen Medikamenten
• Endometriose
Foto: ©24K-Production/AdobeStock

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