Longevity
Hundert Jahre gutes Leben
Autor: KLAUS DUFFNER
In sogenannten Blue Zones soll eine ungewöhnlich hohe Anzahl von Hundertjährigen leben. Sie scheinen durch eine gesunde Lebensführung mit viel Bewegung, guter Ernährung und wenig Stress dem Alter ein Schnippchen zu schlagen. Allerdings sind viele der dortigen Erhebungen wissenschaftlich fragwürdig.
Die Lebenserwartung des Menschen liegt weltweit bei rund 73 Jahren, innerhalb der EU-Staaten bei 81,5 Jahren und in der Schweiz bei 83,5 Jahren, wobei Frauen im Durchschnitt ein paar Jahre länger leben als Männer. Schon lange war bekannt, dass Menschen in manchen Regionen der Erde deutlich länger leben. Der amerikanische Forscher und Autor Dan Buettner untersuchte im Rahmen einer National-Geographic-Expedition im Jahr 2004 diese Gebiete und prägte für sie den Begriff «Blue Zones». Er identifizierte fünf Hauptgebiete, in denen eine ungewöhnlich hohe Anzahl von Hundertjährigen leben. Seitdem wurden die Faktoren, die eine solche «Longevity» (Deutsch für Langlebigkeit) ausmachen, intensiv erforscht, aber auch hinterfragt.
Blue Zones – weltweit verteilt
Die Ergebnisse der Forschungen von Dan Buettner wurden 2005 unter dem Titel «The Secrets of a Long Life» veröffentlicht. Es seien unter anderem eine pflanzenbasierte Ernährung, regelmässige Bewegung und starke soziale Bindungen für die Langlebigkeit verantwortlich. Die von Buettner identifizierten fünf «Blue Zones» sind über die ganze Welt verteilt:
- Okinawa-Inseln in Japan: Die Menschen haben eine niedrige Rate an Krebs- und Herzerkrankungen, wenig Demenz sowie kaum Infektionskrankheiten unter der Älteren.
- Sardinien in Italien: Insbesondere in der Provinz Ogliastra und in der felsigen Hochebene (Barbagia) von Ollolai und Seulo erreichen überdurchschnittlich viele Männer ein Alter von 100 Jahren.
- Loma Linda in Kalifornien: Hier lebt eine Gruppe von Angehörigen der Glaubensgemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten, die zu den Menschen mit der höchsten Lebenserwartung in Nordamerika gehören.
- Nicoya in Costa Rica: Die Wahrscheinlichkeit, 100 Jahre alt zu werden, liegt für einen 60-jährigen Mann auf der Halbinsel Nicoya bei 4,8 Prozent.
- Ikaria in Griechenland: weniger Krebs, Herzerkrankungen und Demenz. Fast jede dritte Person schafft es, über 90 Jahre alt zu werden.
«Nicht nur das Alter zählt,
sondern die Jahre, die wir gesund
und glücklich verbringen.»
Bewegung, wenig Fleisch und soziale Bindungen
Was sind die gemeinsamen Merkmale dieser Regionen, ausser dass die Menschen in relativ guter Gesundheit ein hohes Alter erreichen? Laut Buettner leben die dortigen Bewohner in einer Umgebung, in der sie sich ständig bewegen müssen, beispielsweise durch Gartenarbeit, handwerkliche Tätigkeiten oder Fussmärsche. Die Menschen auf den Okinawa-Inseln und der Nicoya-Halbinsel glauben überdies einen «Sinn des Lebens» erkannt zu haben, was zu einer grundlegenden Zufriedenheit führt. Als wichtiges gemeinsames Merkmal haben die meisten Einwohner eine Strategie entwickelt, um Stress abzubauen. Das können kurze Gebete, Erinnerungsrituale oder einfach ein kurzes Schläfchen sein. Die Ernährung spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. So werden keine übermässigen Mengen an Kalorien aufgenommen. Die Nahrung selbst bestehe in den Blue Zones nur selten aus Fleisch, im Durchschnitt komme Fleisch nur fünfmal pro Monat auf den Tisch, so Buettner. Dagegen stehen aufwendig zubereitete Hülsenfrüchte wie Schwarzbohnen, Fava, Soja, Linsen oder Vollkorngetreide hoch im Kurs. Auch Alkohol wird nur wenig getrunken, maximal ein bis zwei Gläser täglich in Gesellschaft, wobei die Adventisten in Kalifornien ganz darauf verzichten.
Sehr wichtig scheint eine starke Bindung zu Gemeinschaften zu sein. So garantieren private soziale Netzwerke auf den Okinawa-Inseln nicht nur emotionale und finanzielle Unterstützung, sondern helfen dabei, an einem gesunden Lebensstil festzuhalten. Schliesslich scheint der enge familiäre Zusammenhalt ein essenzielles gemeinsames Merkmal für ein langes, zufriedenes Leben zu sein.
Alles nur Fake?
In den vergangenen Jahren wurde massive Kritik am Konzept der Blue Zones und der zugrunde liegenden Studie laut. So seien bei vielen der «Supercentenarians» – also Menschen, die 110 Jahre oder älter sind – Fehler bei den Aufzeichnungen gemacht worden, so der australische Autor und Wissenschaftler Saul Justin Newman, der sich im Rahmen einer im Jahr 2020 veröffentlichten Studie die Daten der «Blue Zones-Studie» genauer angesehen hat. Es würden Geburts- und Sterbeurkunden fehlen sowie statistische Unregelmässigkeiten auftreten. Die Blue Zones seien ein Mythos und ihre Popularität beruhe vor allem auf einer geschickten Vermarktung und weniger auf soliden wissenschaftlichen Beweisen. Dabei könnten in diesen Regionen Armut, schlechte Gesundheitsversorgung und sogar Betrug bei den Altersangaben eine Rolle gespielt haben.
Tatsächlich ist gemäss einer japanischen Ernährungsumfrage in Okinawa der Gesundheitszustand der Menschen schlecht, der Gemüsekonsum niedrig und die Trinkfreudigkeit sehr hoch. Auf den heftig umkämpften Inseln sind im Zweiten Weltkrieg die Meldedaten verloren gegangen und die Leute hätten ihr Alter aus ihren oft fehlerhaften Erinnerungen angegeben. Zudem wurden Sterbefälle häufig nicht gemeldet, um weiter eine Rente zu beziehen. Auch bei den Griechen waren den Schätzungen von Newman zufolge mindestens 72 Prozent der angeführten Hundertjährigen tot oder vermisst und es gab eine massive Anzahl von Pensionsbetrügereien. Tatsächlich belegt das griechische Ikaria bei der Lebenserwartung im europäischen Vergleich den 109. Platz. Und in Italien wurden 1997 etwa 30 000 «lebende» Pensionsempfänger als tot aufgespürt. In Costa Rica hätten die Leute bei ihrem Alter häufig schlicht gelogen.
Trotzdem bleibt unbestritten, dass die meisten der aufgeführten Faktoren für ein langes und gesundes Leben, unabhängig von den Blue Zones, wissenschaftlich belegt sind. So fördert sowohl Bewegung als auch eine Kalorienreduktion und eine ausgewogene Ernährung die Lebenserwartung. Obschon bei der Buettner-Studie nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist: Der Lebensstil in den Blue Zones deckt sich häufig mit dem, was ein gesundes Leben ausmacht.

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