Chronische Schmerzen als ganzheitliches Phänomen
Multimodale Schmerztherapie
TEXT: KLAUS DUFFNER
Psychosoziale Faktoren beeinflussen stark sowohl die Schmerzintensität als auch Behandlungserfolge. Obwohl dies schon seit Langem wissenschaftlich belegt ist, ist die Etablierung einer sich daraus ergebenden multimodalen Schmerztherapie bislang noch unzureichend.
Über lange Zeit war es allgemeiner Konsensus, chronische Schmerzen als ein rein körperliches Problem anzusehen, das sich allein durch medizinische Ansätze therapieren lässt. Der Schmerz galt im traditionellen Verständnis als direkter Ausdruck einer organischen Schädigung, dessen Intensität dem Ausmass der Schädigung entspreche. Allerdings wurde bereits 1959 vom Psychiater George L. Engel festgestellt, dass bei manchen Patienten das Ausmass der objektiven körperlichen Befunde nicht mit dem subjektiv berichteten Leiden übereinstimmte.1 Engel veröffentlichte 1979 das ebenfalls heute noch gängige biopsychosoziale Konzept des chronischen Schmerzes, das sowohl biologische (somatische) Komponenten der Erkrankung als auch psychische und soziokulturelle Einflüsse integriert.
Psychosoziale Faktoren als Schmerzverstärker
Anhaltende Schmerzen führen nicht nur körperlich zu Veränderungen wie Schonhaltungen, Muskelabbau oder muskuläre Verspannungen, sondern sie wirken sich darüber hinaus auf psychischer und sozialer Ebene aus. Psychosoziale Faktoren modulieren wesentlich die weitere Entwicklung des Schmerzempfindens und werden als Risikofaktoren für den Übergang vom akuten zum chronischen Schmerz angesehen. Zusammen mit Lern- und neurobiologischen Prozessen rufen sie Veränderungen im Nervensystem hervor, die reversibel, aber genauso irreversibel sein können. So besteht ein enger Zusammenhang zwischen der emotionalen Stimmung und der subjektiven Schmerzbewertung. Je nach psychischer Verfassung können identische Reize als stark schmerzhaft oder als lediglich gering schmerzhaft erlebt werden.2 Auf der anderen Seite tragen sowohl das frühzeitige Vermeiden körperlicher Aktivitäten als auch das ausgeprägte Durchhalten aller Aktivitäten selbst bei starken Schmerzen («ein Indianer kennt keinen Schmerz») zur Aufrechterhaltung der Schmerzen bei und können physiotherapeutische Therapien negativ beeinflussen.2
Weniger Kompetenz und Selbstwertgefühl
Wie sehen die psychosozialen Belastungen aus? Chronische Schmerzen führen zum Verlust von Alltagsgewohnheiten und lieb gewonnenen Freizeitaktivitäten. Nicht selten ist der Arbeitsplatz bedroht und soziale Kontakte sind eingeschränkt.3 Dies alles verändert die sozialen Rollen in der Familie oder im Freundeskreis. Das Selbstwertgefühl der Betroffenen gerät ins Wanken, weil Kompetenzen wegfallen und persönliche Ziele, auf deren Verwirklichung sie hingelebt haben, womöglich nicht mehr erreichbar sind. Gerade für Personen, die ihr Leben sehr selbstständig geführt haben, stellt dies eine enorme Herausforderung dar. Durch die anhaltende Präsenz der Schmerzen wird der Umgang mit ihnen zu einer möglicherweise lebenslangen Aufgabe. Es kann sogar im Laufe der langen Leidenszeit zu einer deutlichen Verschiebung der Belastungen kommen: Psychische und soziale Beeinträchtigungen spielen eine immer grösser werdende Rolle und wandeln sich im Krankheitsverlauf zur zentralen Problematik. Das alles ist ein radikaler Einschnitt in die eigene Lebensplanung und eine existenzielle Herausforderung.
Multimodale Schmerztherapie als bestes Behandlungsmodell
Seit wenigen Jahren wird der chronische Schmerz als eine eigenständige Krankheit angesehen. Heute gilt eine multimodale Schmerztherapie, bei der sowohl medizinische, psychotherapeutische wie physiotherapeutische Massnahmen geplant und durchgeführt werden, als das beste Behandlungsmodell. Dabei arbeiten idealerweise für die Schmerzbehandlung spezialisierte Ärzte (Anästhesisten, Orthopäden, Neurologen, psychosomatische Mediziner etc.), Bewegungstherapeuten (Sport‑, Ergo- und Physiotherapeuten), Psychotherapeuten sowie Pflegepersonal und weitere Spezialisten (Tanz-, Sozialtherapeuten etc.) interdisziplinär zusammen. Im Vordergrund steht dabei die Wiederherstellung der körperlichen und psychischen Leistungsfähigkeit und damit die Verminderung der Beeinträchtigung im Alltag. Auch der Umgang mit den Beschwerden, die Verringerung der psychischen Belastung und eine Wiedereingliederung in das Berufs- und Sozialleben sind Ziele der Behandlung. Die Kooperation zwischen diesen Fachdisziplinen erfordert regelmässige Teambesprechungen und Vereinbarungen zu therapeutischen Zielen und Überprüfung der Behandlungsfortschritte. Das ist zwar anspruchsvoll und häufig noch nicht etabliert, hinsichtlich des Therapieeffekts und der Ersparnis für die Gesellschaft ist die multimodale Schmerztherapie letztlich jedoch erfolgreich.
In der Schweiz sind rund 1,5 Millionen Menschen von Schmerzen betroffen, 39 Prozent von ihnen leiden an einer chronischen Form. Die meisten dieser Patienten sind schon sehr lange betroffen, sie kämpfen durchschnittlich seit 7,7 Jahren mit dem chronischen Schmerz. Jeder Vierte leidet sogar schon seit mehr als 20 Jahren daran. Das trifft bei Weitem nicht nur alte Menschen: In einer grossen Studie war jeder fünfte der unter Schmerzen Leidenden unter 30 Jahre alt, das Durchschnittsalter lag bei 48 Jahren (Quelle: USZ).
Quellen:
1) Neustadt K, Kaiser U, Sabatowski R: Das bio-psycho-soziale Schmerzmodell – Entwicklung, Definition und Implikationen. Unter: https://www.researchgate.net/profile/Rainer-Sabatowski/publication/321494254_Das_biopsychosoziale_Schmerzmodell_Entwicklung_Definition_und_Implikationen/links/5aba287b4585150a09a6cab5/Das-biopsychosoziale-Schmerzmodell-Entwicklung-Definition-und-Implikationen.pdf
2) Eich W, et al. Psychosoziale Faktoren bei Schmerz und Schmerzbehandlung: Eine Positionsbestimmung. Schmerz. 2023 Jun;37(3):159–167.
3) Kieselbach K, Koesling D, et al. Chronischer Schmerz als existenzielle Herausforderung. Schmerz 2023; 37(2): 116–122.
Foto: © Chiam / AdobeStock

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