Luftkurort Davos

Wo Tuberkulosekranke einst kuriert wurden

Autor: CHRISTIANE SCHITTNY, APOTHEKERIN

Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts kam Katia Mann mit dem Verdacht auf eine Tuberkuloseerkrankung nach Davos. Jahrelang kehrte sie immer wieder für mehrere Monate dorthin zurück. Ihre Eindrücke im Sanatorium inspirierten ihren Ehegatten Thomas Mann zu seinem Roman «Der Zauberberg».

Das im Jahr 1924 erschienene Werk des bekannten deutschen Schriftstellers erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der seinen Vetter in einem Davoser Sanatorium besucht. Dort bleibt er viel länger als geplant und erlebt eine Welt voller weltentrückter Figuren, die ihn mit Philosophie, Politik, gesellschaftlichen Diskussionen und inneren Konflikten konfrontieren. Zentrale Themen wie Krankheit, Tod, Liebe oder die Suche nach dem Sinn des Lebens sind allgegenwärtig. Der Roman spiegelt die geistigen und kulturellen Strömungen seiner Zeit wider und setzt sich mit den grossen Fragen der Menschheit auseinander.

Schauplatz Schatzalp

Während seiner Davos-Aufenthalte besuchte Thomas Mann fast täglich die Schatzalp. Dort lernte er viele Patienten und Patientinnen aus ganz Europa näher kennen und wurde mit dem Tagesablauf rund um die Tuberkulosebehandlungen vertraut. Deshalb wird der Schauplatz des Romans «Der Zauberberg» auf der Schatzalp, hoch über den Dächern von Davos, angesiedelt. Das im Jahr 1900 eröffnete Jugendstilhaus war ein Luxussanatorium und nach den neuesten Regeln der Hygiene und des Komforts ausgestattet.

Die Heilstätte stand an sonniger Südlage und jedes Zimmer verfügte über einen grossen Balkon, der mit den damals typischen und bequemen Liegestühlen für die Liegekur ausgestattet war. Nachdem Ende der 1940er-Jahre die ersten wirksamen Medikamente gegen Tuberkulose aufkamen, wurden Sanatorien überflüssig. Die Kuranstalt auf der Schatzalp wurde – wie viele andere Sanatorien auch – als Hotel umgenutzt. Die bestehende Stahlbetonarchitektur blieb erhalten und so kann man noch heute das würdevolle Jugendstilgebäude bewundern.

«Boomtown» Davos

In Davos erinnern fast jedes Haus und jede Strasse an den alten Kurort, an seine Geschichte und an Persönlichkeiten, die oft für längere Zeit dort weilten. Bereits im 19. Jahrhundert wurde der Ort aufgrund seines milden Klimas, der gesunden Höhenluft und der intensiven Sonneneinstrahlung als idealer Standort betrachtet, um Tuberkulosekranke zu behandeln. Die ersten spezialisierten Sanatorien entstanden in den 1860er-Jahren, als Tuberkulose in Europa weit verbreitet war. Zahlreiche Ärzte siedelten sich in Davos an, um Betroffene aus aller Welt zu kurieren. 1870 gab es im Kurort rund 35 Hotels, 50 Pensionen und 26 Sanatorien.

Neben der Schatzalp zählte auch das Waldsanatorium – heute das historische, elegante Waldhotel –, in dem sich Katia Mann immer wieder aufhielt, zu den Top-Adressen. Allerdings konnten sich nur die Reichen diese teuren Häuser leisten. Für weniger betuchte Patienten und Patientinnen entstanden nach und nach etwa das Alexanderhaus, das von freiwilligen Berner Diakonissinnen betrieben wurde, die Basler Volksheilstätte, deren Defizit der Kanton trug, oder das Sanatorium der Holländer, das von wohlhabenden Holländern für ihre minderbemittelten lungenkranken Landsleute erbaut wurde.

Stenger Tagesablauf

Reichhaltiges Frühstück mit Milch und Brot um 7:30 Uhr, zweites Frühstück mit Kaffee um 10:30, üppiges Mittagsmahl um 12:30 mit dreizehn verschiedenen kleineren Gängen, am Nachmittag selbst gebackener Kuchen und zum Abendessen um 18:30 nochmals ein deftiges Abendessen mit Suppe und Fleisch: So beschreibt Klaus Bergamin den Speiseablauf eines Sanatoriums, um die Gäste wieder aufzupäppeln. Er wuchs mit fünf Geschwistern in Schmitten in der Nähe von Davos auf und bekam mit 16 Jahren die Diagnose Tuberkulose. Ein Schock, vor allem für seine Eltern, die sich die Therapie nicht leisten konnten. Eine Tante sprang ein und bezahlte monatlich 500 Franken für seine elf Monate dauernde Kur in Davos. Das entsprach damals einem mittleren Monatseinkommen.

Kernbestandteil der Therapie war das stundenlange Liegen an der frischen Luft, morgens, mittags und abends, egal bei welchem Wetter. Täglich stand ein kleinerer Spaziergang auf dem Programm: Dessen Länge war je nach individueller Konstitution genau festgelegt. Das «Taschenfläschchen für Hustende», auch Spucknapf genannt, wurde jedem neuen Patienten zusätzlich zum Fieberthermometer ausgehändigt. Es diente zum Sammeln des hochinfektiösen Auswurfs und musste immer mitgeführt und einmal täglich mit einer Carbollösung (Phenol) gereinigt werden.

Viele überlebten

In manchen Regionen starben damals etwa die Hälfte der Menschen, die sich mit Tuberkulose angesteckt hatten. In Davos waren die Überlebenschancen höher. Woran das genau lag, ist bis heute noch nicht ganz geklärt. War es das besondere Bergklima, die Sonne, die für einen Vitamin-D3-Boost sorgte, das Zur-Ruhe-Kommen, die gehaltvolle Ernährung oder die spezielle Fürsorge? Wahrscheinlich alles zusammen. Klaus Bergamin erholte sich völlig von der Krankheit, studierte und kam als Lehrer nach Davos zurück. Als Bergführer bestieg er viele Gipfel und als Lokalhistoriker arbeitete er die Geschichte von Davos in mehreren Publikationen auf. Auch im Medizinmuseum Davos findet man eine hochinteressante Ausstellung, die die Zeit der Sanatorien beleuchtet.

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