Herzgesundheit bei Frauen
Herzgesundheit ist geschlechtsspezifisch
INTERVIEW: SUSANNA STEIMER MILLER
Herzgesundheit ist geschlechtsspezifisch. Dr. Jeanne Moor vom Lehrstuhl für Gendermedizin der Universität Zürich erklärt, warum frühzeitige Erkennung und Kontrolle von Risikofaktoren entscheidend sind.
Mehr Informationen zu Gendermedizin finden Sie hier:
https://www.gendermed.uzh.ch/en/science-to-go.html
Mehr Informationen zur Frauenherzsprechstunde und zur Gendermedizin in der Kardiologie am Universitätsspital Zürich finden Sie hier:
Arteriosklerose ist ein wichtiger Risikofaktor für einen Herzinfarkt. Wie entwickelt sich dieses Risiko im Verlauf des Lebens?
Es steigt mit dem Alter und zeigt geschlechtsspezifische Unterschiede. Bei Männern nimmt es im Durchschnitt ab etwa 45 Jahren deutlich zu. Frauen haben meist vor der Menopause ein geringeres Risiko dank dem Östrogen, nach der Menopause steigt es und nähert sich dem der Männer an.
Warum sterben mehr Frauen an einem Herzinfarkt als Männer?
Bei Frauen wird ein Herzinfarkt oft später erkannt und behandelt. Zwar haben rund 80 Prozent der Frauen wie Männer den typischen Druck oder Schmerz auf der Brust, Frauen zeigen jedoch häufig zusätzliche Symptome wie ausgeprägte Müdigkeit, Schwindel, Nacken- oder Rückenschmerzen, Dyspnoe, Palpitationen, Übelkeit/Erbrechen oder Oberbauchschmerzen. Diese werden von Betroffenen und Fachpersonen seltener als Herzinfarktsymptome eingeordnet, was die Behandlung verzögert und die Sterblichkeit erhöhen kann.
Zudem sind Frauen beim Herzinfarkt im Durchschnitt älter und weisen häufiger relevante Komorbiditäten auf, was das Sterblichkeitsrisiko zusätzlich steigert.
Wo sehen Sie ein Problem in der heutigen Medizin, wenn es um die Herzgesundheit von Frauen geht?
Ein zentrales Problem ist, dass Frauen in kardiovaskulären Studien teils deutlich unterrepräsentiert sind. Zudem werden Daten häufig nicht geschlechtsspezifisch ausgewertet. Geschlechtsspezifische Aspekte werden in Leitlinien noch zu wenig berücksichtigt. Frauen sind in Führungspositionen in Klinik, Forschung und Leitliniengremien untervertreten, obwohl ihre stärkere Beteiligung die Integration frauenspezifischer Themen in die Medizin nachweislich fördert.
Gibt es geschlechtsspezifische Risikofaktoren für kardiovaskuläre Ereignisse?
Ja. Bei Frauen zählen dazu insbesondere Schwangerschaftskomplikationen wie Frühgeburt, Kinder mit zu geringem Geburtsgewicht für das Schwangerschaftsalter, Infertilität, Aborte, Schwangerschaftsdiabetes sowie hypertensive Schwangerschaftserkrankungen wie Präeklampsie. Hormonelle Faktoren wie frühe Menopause, Hormonersatztherapie, polyzystisches Ovarialsyndrom oder Endometriose sind ebenfalls relevant. Bestimmte Risikofaktoren wie Diabetes oder Rauchen erhöhen das kardiovaskuläre Risiko bei Frauen stärker als bei Männern.
Bei Männern gelten ein Testosteronmangel als spezifischer Risikofaktor und eine erektile Dysfunktion als möglicher Hinweis auf eine zugrunde liegende Gefässdysfunktion.
Wie verändern sich die Cholesterin- und Blutdruckprofile von Frauen und Männern im Laufe des Lebens?
Bei Frauen liegen Gesamtcholesterin und LDL meist niedriger als bei gleichaltrigen Männern, während HDL tendenziell höher ist. Wichtig ist die Messung von Lp(a) vor und nach der Menopause, da sich die Werte postmenopausal verändern können.
Der Blutdruck von Frauen kann unterschiedliche Verläufe zeigen: Er kann kontinuierlich steigen, bereits vor der Menopause ansteigen oder erst danach. Deshalb ist eine regelmässige Blutdruckkontrolle essenziell.
2025 hat die Europäische Gesellschaft für Kardiologie neu einen sogenannten «erhöhten Blutdruck» definiert. Was ist der Hintergrund?
Der erhöhte Blutdruck ist definiert als systolisch 120–139 mmHg und/oder diastolisch 70–89 mmHg. Studien zeigen, dass bei Patientinnen und Patienten mit erhöhtem kardiovaskulärem Risiko bereits ab diesen Werten das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt. Eine Behandlung ist daher sinnvoll, zunächst meist durch Lebensstilmassnahmen und bei unzureichendem Erfolg medikamentös. Zur Risikostratifizierung werden neben klassischen Scores auch geschlechtsspezifische Modifikatoren berücksichtigt wie Schwangerschaftsdiabetes oder Präeklampsie. Studien deuten darauf hin, dass Frauen bei gleichem Blutdruck oft ein höheres relatives Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen haben als Männer.
Warum kann der gemessene Blutdruck in der Apotheke höher sein als zu Hause?
Dieses Phänomen wird als Weisskittelhypertonie bezeichnet. Dabei ist der Blutdruck nur in medizinischen Umgebungen erhöht, meist durch Stress oder Angst, während die Werte zu Hause normal sind. Deshalb sollte der Blutdruck zu Hause kontrolliert werden. Langzeitstudien zeigen jedoch, dass Weisskittelhypertonie mit einem erhöhten Risiko verbunden ist, später eine dauerhafte Hypertonie zu entwickeln – ein weiterer Grund, die Werte auch zu Hause regelmässig zu messen.
Ist es sinnvoll, Kundinnen und Kunden mit einem erhöhten Blutdruck die Anschaffung eines Blutdruckmessgeräts zu empfehlen?
Ja. Bei erhöhtem Blutdruck von 120–139/70–89 mmHg oder sogar bei normalem Blutdruck von <120 und <70 mmHg mit kardiovaskulären Risikofaktoren wie Diabetes, Präeklampsie oder früheren Aborten sollte der Blutdruck regelmässig zu Hause, beim Arzt oder in der Apotheke gemessen werden. So lassen sich der Verlauf beobachten und rechtzeitig notwendige Präventions- oder Therapieentscheidungen treffen.

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