ADHS

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TEXT: DR. ALEXANDER VÖGTLI, APOTHEKER

Wenn sich Kinder in der Schule nicht auf eine Aufgabe konzentrieren können, wenn sie ruhelos und immer in Bewegung sind und der Lehrerin gedankenlos ins Wort fallen, kann eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) vorliegen.

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine Entwicklungsstörung des zentralen Nervensystems, die bei Kindern auftritt, aber auch häufig erst im Erwachsenenalter diagnostiziert wird. Die Leitsymptome sind eine Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und ein impulsives Verhalten.

Unaufmerksamkeit bedeutet in diesem Zusammenhang vor allem eine reduzierte Konzentrationsfähigkeit. Also zum Beispiel in der Schule eine Aufgabe zu beginnen, konzentriert zu bearbeiten und zum Abschluss zu bringen. Die Kinder lassen sich leicht ablenken und können nicht lange zuhören. Sie können sich nicht organisieren und verlieren häufig Dinge. Ein typisches Merkmal ist auch eine krakelige Schrift.

Hyperaktivität heisst, dass die Kinder immer in Bewegung sind, mit den Füssen wippen, die Finger bewegen und zappelig sind. Sie sind ruhelos, stehen auf, klettern und rennen umher, wenn sie eigentlich sitzen sollten. Die Kinder reden viel und unterbrechen ihre Gspänli.

Impulsivität ist ein spontanes Verhalten, bei dem gedankenlos und ohne Berücksichtigung der möglichen Konsequenzen auf innere oder äussere Reize reagiert wird. Zum Beispiel geht ein Kind in der Schule an einem Etui eines Kameraden vorbei und wirft es mit der Hand zu Boden – ohne böse Absicht und ohne an die möglichen Folgen zu denken. Oder es fällt einer anderen Person ins Wort und kann nicht warten, bis es an der Reihe ist.

Es gibt Betroffene, die hauptsächlich unaufmerksam sind und solche, die vor allem hyperaktiv und impulsiv sind. Am häufigsten ist aber die gemischte Ausprägung.

Die Kinder fallen im Kindergarten und in der Schule auf. Denn gerade in diesem Alter beginnen Kompetenzen wie die Konzentrationsfähigkeit, eine gute Organisation und Disziplin wichtig zu werden.

Ursachen

Bei der Entstehung spielt vor allem die Vererbung eine wichtige Rolle. ADHS kommt gehäuft in Familien vor. Es kann zum Beispiel sein, dass der Vater, die Tochter und der Sohn gleichermassen davon betroffen sind. Daneben gibt es Risikofaktoren, die ADHS begünstigen. Dazu gehören eine Belastung des ungeborenen Kinds mit Alkohol, Medikamenten oder Nikotin während der Schwangerschaft sowie Komplikationen während der Geburt. Unsere technologisch reizüberflutete Welt trägt sicher auch nicht zu weniger Fällen bei.

ADHS kommt gehäuft
in Familien vor – Vererbung
spielt eine grosse Rolle.

ADHS wird nicht als Krankheit, sondern als Normvariante bezeichnet, also eine Abweichung von dem, was wir als «normal» wahrnehmen. In letzter Zeit kommt in diesem Zusammenhang ebenfalls der neue Begriff Neurodiversität auf.

Komplikationen

Kinder mit ADHS können in der Schule «anecken», weil sie sich nicht normgemäss verhalten. Dies kann zu sozialen Problemen mit anderen Schülerinnen und Schülern und mit ihren Eltern führen. Auch die schulische Leistung kann betroffen sein. Menschen mit ADHS haben darüber hinaus ein höheres Risiko für Unfälle oder Rauschmittelmissbrauch.

Medikamentöse Behandlung

Das am häufigsten verordnete Medikament für die Behandlung von ADHS ist Methylphenidat. Das Original Ritalin®von Ciba wurde in der Schweiz bereits in den 1950er-Jahren zugelassen. Es zeigt eine bemerkenswerte Wirkung, reduziert die Überaktivität, erhöht die Konzentrationsfähigkeit und verhindert ADHS-Komplikationen. Weil der Wirkstoff mit den Amphetaminen verwandt ist und als Stimulans wirksam ist und missbraucht wird, gehören die Medikamente zu den verschärft verschreibungspflichtigen Betäubungsmitteln und sie müssen in der Apotheke im Tresor gelagert werden.

Die Effekte beruhen auf der Wiederaufnahme der Neurotransmitter Dopamin und Noradrenalin in die präsynaptischen Nervenzellen. Dadurch wird ihre Konzentration im synaptischen Spalt erhöht.

Weil es sich um ein Stimulans handelt, das zu Schlafstörungen führen kann, werden die retardierten Präparate in der Regel einmal täglich morgens eingenommen. Die nicht retardierten Arzneimittel können morgens und zusätzlich mittags gegeben werden. Die Retardierung ist deshalb erforderlich, weil Methylphenidat eine kurze Halbwertszeit von nur zwei Stunden hat. Sie sorgt auch für stabilere Plasmakonzentrationen. Die Dosis wird individuell eingestellt und Methylphenidat ist für Kinder ab einem Alter von sechs Jahren zugelassen.

Die retardierten Kapseln können geöffnet und der Inhalt kann auf wenig weiche Nahrung wie zum Beispiel Apfelmus gestreut werden. Dies ist von Vorteil, denn viele und vor allem jüngere Kinder können Kapseln nicht schlucken. Die Nahrung darf allerdings nicht zu warm sein.

Neben den Schlafstörungen gehören Kopfschmerzen, Appetitmangel, Gewichtsverlust, Herzklopfen und Herzrhythmusstörungen zu den weiteren typischen Nebenwirkungen. Bei vorbestehenden Herzkrankheiten ist das Medikament kontraindiziert. Vor der Einleitung der Behandlung wird in der Praxis eine kardiologische Untersuchung durchgeführt. Gleichzeitig werden die Grösse und das Gewicht dokumentiert.

Neben Methylphenidat werden Amphetamin und Dexamphetamin in verschiedenen Formen für die Behandlung verwendet.

Im Unterschied zu den Stimulanzien ist Atomoxetin kein Betäubungsmittel und muss nicht im Tresor aufbewahrt werden. Es wird mit einem gewöhnlichen Rezept verordnet. Atomoxetin hemmt selektiv die Wiederaufnahme von Noradrenalin. Derzeit steht nur noch ein Generikum zur Verfügung, denn das Originalpräparat Strattera® ist in der Schweiz nicht mehr im Handel. Ein weiterer Wirkstoff, Guanfacin, greift ebenfalls in die noradrenerge Neurotransmission ein.

Foto: © soupstock / AdobeStock

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