Anis
Neben der Heilwirkung war der Anis auch in anderen Bereichen wichtig
TEXT: MARTIN SAURER
Der spezifische Duft von Anis ist den meisten bekannt und wird gerne genutzt, um Süss- und Backwaren zu verfeinern oder Spirituosen herzustellen. Während die Kulinarik seit Jahrtausenden von Anis profitiert, hat die Pflanze genauso lange und bis heute einen Platz in der Pflanzenheilkunde.
Neben der Heilwirkung war der Anis auch in anderen Bereichen wichtig. So sollten seine Früchte unter dem Kopfkissen gemäss altem Volksglauben vor Albträumen schützen und böse Geister fernhalten. Ausserdem kam Anis als Opfergabe für Götter zum Einsatz. Bei verschiedenen Festlichkeiten wurde Anisgebäck oder -bier in der Hoffnung auf eine gute Zukunft konsumiert.
Biologie
Der Echte Anis (Pimpinella anisum) gehört zu den Bibernellen in der Familie der Doldenblütler. Die einjährige, krautige Pflanze bevorzugt warme, sonnige Standorte mit durchlässigen Böden und erreicht eine Wuchshöhe zwischen 30 und 60 Zentimetern. Alle Pflanzenteile sind stark duftend, die oberirdischen Stängel und Blätter flaumig behaart. Der Echte Anis zeichnet sich durch unterschiedliche Blätter aus: Die Grundblätter erscheinen rundlich und gestielt, während die Stängelblätter fein gefiedert sind. Je nach Standort trägt der Anis zwischen Juni und September doppeldoldige Blütenstände. Die relativ kleinen Blüten tragen jeweils fünf weisse Kronblätter. Aus den bestäubten Blüten entwickeln sich trockene, zweiteilige Spaltfrüchte, die umgangssprachlich als Anissamen bezeichnet werden. Ursprünglich stammt die Pflanze aus dem östlichen Mittelmeerraum und Westasien, wird heute jedoch vielerorts kultiviert.
Geschichte
Anis war bereits im alten Ägypten sowie in der Antike als Gewürz und Heilmittel bekannt. Er zählte damals als Mittel zur Verdauungsförderung sowie galt als schleimlösend und schmerzlindernd. Im Mittelalter konnte die Heilpflanze in vielen Klostergärten gefunden werden und wurde gegen Blähungen, Husten und Mundgeruch angewendet. Ausserdem galt Anis in vielen ländlichen Gebieten Deutschlands als Aphrodisiakum, das von Männern nach der Feldarbeit eingenommen wurde. Am 30. November sollte diese Wirkung besonders stark sein, weshalb dieser Tag in Böhmen noch heute «Anischtag» genannt wird. Neben diesem Nutzen für den Menschen wurde Anis ebenfalls dazu verwendet, Tauben an ihren neuen Schlag zu gewöhnen.
Inhaltsstoffe
Die Anisfrüchte sind reich an Vitamin B, Vitamin C und Mineralstoffen wie beispielsweise Eisen. Pharmakologisch am relevantesten ist allerdings das trans-Anethol, das zwischen 80 und 95 Prozent der Gesamtmenge an ätherischen Ölen der Anisfrüchte ausmacht. Dieses Molekül wirkt antimikrobiell, krampflösend, schleimlösend und reduziert Blähungen. Damit ist trans-Anethol ein vielseitig einsetzbarer Wirkstoff, der auch zu grossen Teilen zum charakteristischen Duft von Anis beiträgt. Ausserdem findet er in der pharmazeutischen Industrie als Vorstufe für einige Wirkstoffe Verwendung. Verschiedene weitere pharmazeutisch relevante Inhaltsstoffe sind unterschiedliche Flavonoide, Estragol, Anisaldehyd, Kaffeesäure sowie geringe Mengen an Limonen.
Anwendung
Noch heute wird Anis in der Phytotherapie und als traditionelles Hausmittel eingesetzt. Dabei kommen Anisaufgüsse, häufig mit Fenchel und Kümmel gemischt, zum Einsatz. Darüber hinaus werden Fertigpräparate wie Tropfen, Kapseln, Sirupe sowie das pure ätherische Öl verwendet. Letzteres sollte allerdings nur in geringer Dosierung und nicht über lange Zeiträume eingenommen werden. Da im Falle des Öls allergische Reaktionen auftreten können, sollte nur nach einer Fachberatung darauf zurückgegriffen werden. Alle anderen Anwendungsformen gelten dahingegen als gut verträglich und nebenwirkungsarm.
Durch die schleimlösende Wirkung des trans-Anethols kann Anis bei Erkältungen und gewissen Atemwegsbeschwerden eingesetzt werden. Auch wird die Heilpflanze bei Verdauungsbeschwerden verwendet, weil dadurch die Motilität sowie die Drüsen des Magen-Darm-Trakts angeregt werden. Die krampflösenden und blähungshemmenden Eigenschaften sorgen zudem für mehr Wohlbefinden bei verstimmtem Magen und Darm.
Foto: ©domnitsky/AdobeStock

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