Migräne: Prävention und Behandlung

Etwa jede zehnte Person in der Schweiz ist von Migräne betroffen.

TEXT: SUSANNA STEIMER MILLER

Etwa jede zehnte Person in der Schweiz ist von Migräne betroffen. Im Interview erklärt der Neurologe Prof. Dr. med. Andreas R. Gantenbein, wie sich eine Migräne äussert, was dagegen hilft und was prophylaktisch wirkt.

Was unterscheidet eine Migräne von Kopfschmerzen?

Die Wissenschaft unterscheidet über 200 verschiedene Arten von Kopfschmerzen. Die Migräne ist eine spezielle Form davon, bei der es neben den Kopfschmerzen zu weiteren Symptomen kommt. Betroffene reagieren besonders empfindlich auf Reize wie Licht und Lärm, Berührungen und Gerüche. Zudem leiden sie auch an Übelkeit und Erbrechen. Bei der Migräne handelt es sich um eine neurobiologische Erkrankung.

Wie häufig treten Migräneattacken durchschnittlich auf und wie lange dauern sie an?

Das ist von Mensch zu Mensch verschieden. Es gibt Betroffene, die ein- bis zweimal im Jahr eine Attacke haben, andere leiden täglich daran.

Bei der Migräne unterscheidet man zwischen der episodischen Form. Diese tritt an weniger als 15 Tagen pro Monat auf. Kommt es häufiger zu Kopfschmerzen, handelt es sich um eine chronische Migräne. Etwa 90 Prozent der Betroffenen leiden zwischen einem und acht Tagen pro Monat an der Krankheit. Etwa jeder Zehnte hat mehr als zehn Tage im Monat Migräne.

Gemäss Klassifikation spricht man von einer Migräne, wenn sie zwischen vier und 72 Stunden andauert. Der grosse Teil der Betroffenen ist einen Tag lang oder etwas mehr stark beeinträchtigt.

Welche Trigger können Migräne auslösen?

Hier muss man wissen, dass eine Migräne in verschiedenen Phasen abläuft. In der Vorbotenphase treten gewisse Symptome auf, wie zum Beispiel die Lust auf Süsses oder Gereiztheit. Manche Migränikerinnen und Migräniker sind der Überzeugung, dass Schokolade eine Episode triggert, weil die Migräne sich dann bemerkbar macht, wenn sie viel Schokolade gegessen haben. Doch heute wissen wir, dass Schokolade meist kein Trigger ist. Die verstärkte Lust darauf ist bei vielen Betroffenen einfach ein Vorsymptom einer Attacke und kein Auslöser.

Die Vorbotenphase lässt sich schwierig untersuchen. Wir verstehen noch nicht genau, welche Prozesse bei einer Migräne in den zentralen Hirnstrukturen in dieser Phase ausgelöst werden. Bekannt ist, dass die Reizempfindlichkeit steigt und die Reizschwelle heruntergefahren wird, so dass später auch Schmerzen empfunden werden.

Bei Alkohol, Nitroglycerin oder dem Wirkstoff Sildenafil, der bei der erektilen Dysfunktion zum Einsatz kommt, wissen wir, dass diese tatsächlich eine Migräne triggern können. Bei vielen anderen vermeintlichen Triggern ist die Datenlage nicht klar. Ich empfehle meinen Patientinnen und Patienten immer, ein Migräne-Tagebuch zu führen. Wenn es klare Trigger gibt, sollten sie diese meiden. Ist dies nicht der Fall, lohnt es sich nicht, sich zu kasteien und zum Beispiel auf bestimmte Lebensmittel wie Schokolade oder Käse zu verzichten.

Welche Medikamente helfen in der Akutphase?

Am häufigsten werden von Betroffenen Schmerzmittel mit den Wirkstoffen Paracetamol, Diclofenac und Ibuprofen eingesetzt. Bei der Beratung von Migräne-Patientinnen und -Patienten ist der Hinweis wichtig, dass diese Mittel nicht häufiger als zehn Tage pro Monat eingesetzt werden sollen. Bei häufigerem Gebrauch kann es zu einem chronischen Medikamentenübergebrauchskopfschmerz kommen. Viele Patientinnen und Patienten sprechen gut auf Schmerzmittel an. Manchmal werden diese mit einem Antiemetikum kombiniert, um der Übelkeit entgegenzuwirken.

Speziell gegen Migräne wurden vor 30 Jahren Triptane entwickelt. Neu sind zur Behandlung auch Gepante, wie zum Beispiel Rimegepant, zugelassen. Dabei handelt es sich um oral anwendbare Antagonisten des Rezeptors von CGRP.

Für wen sind Medikamente zur Prophylaxe der Migräne geeignet?

Das ist individuell. Ab vier bis fünf Migränetagen pro Monat kann es sinnvoll sein, über eine Prophylaxe nachzudenken. Zur Verfügung stehen neben Nahrungsergänzungsmitteln die herkömmlich bei Migräne verschriebenen Mittel Topiramat, Betablocker oder Amitriptylin. Diese führen jedoch häufig zu Nebenwirkungen.

Zur Prophylaxe werden die CGRP-Antikörper entweder monatlich als Injektion oder dreimonatlich als Infusion eingesetzt. Da sie deutlich teurer sind, dürfen sie nur von einer Neurologin oder einem Neurologen verschrieben werden.

Auch von den Gepanten sind in der Schweiz zwei Wirkstoffe zur Prophylaxe zugelassen. Seit dem 1. Mai 2024 werden die Kosten für Rimegepant zur Prophylaxe der episodischen Migräne von den Krankenkassen bezahlt. Dies gilt jedoch nur für den Fall, dass andere Therapien erfolglos waren und die Migräne mindestens an acht Tagen pro Monat auftritt.

Welche nichtmedikamentösen Massnahmen sind hilfreich?

Wichtig ist, dass Menschen, die von Migräne betroffen sind, regelmässig essen, schlafen, sich bewegen und entspannen. Fasten kann eine Migräne auslösen. Zur Entspannung eignen sich die progressive Muskelrelaxation, Tai-Chi oder Yoga. Betroffene profitieren auch von regelmässigem Ausdauersport. Ideal sind dreimal pro Woche mindestens 30 Minuten Joggen, Velofahren, Schwimmen oder Nordic Walking.

Akupunktur und kognitive Verhaltenstherapie können sich ebenfalls positiv auswirken.

Welche Nahrungsergänzungsmittel oder Phytotherapeutika können einen günstigen Einfluss bei Migräne haben?

Eine positive Wirkung können Magnesium, das Vitamin B2 oder Coenzym Q10 haben. Allerdings braucht es hier recht hohe Mengen, um einen Effekt zu erzielen. Beim Magnesium sind 20 bis 25 mmol, beim Vitamin B2 400 mg und beim Coenzym Q10 300 mg pro Tag sinnvoll.

Als Phytotherapeutikum kann Pestwurz zur Behandlung von Migräne eingesetzt werden. Pestwurz ist zum Beispiel in Relaxane enthalten.

Kann eine Migräne geheilt werden?

Viele Betroffene leiden ein Leben lang daran. Die Migräne kann sich aber im Laufe der Zeit verändern. Gerade bei Jugendlichen nimmt man die neurobiologische Störung oft nicht ernst und schiebt die Symptome auf den Stress in der Schule oder Lehre ab. Eine frühe und gute Beratung wäre ebenfalls in dieser Altersgruppe sehr wichtig.

Im Internet werden zahlreiche Therapien bei Migräne angeboten und teilweise auch Heilung versprochen. Einige davon können eine positive Wirkung haben. Allerdings muss man wissen, dass der Placebo-Effekt bei der Migräne hoch ist. Oft kommt es schon zu einer Verbesserung der Situation, wenn die Patientin oder der Patient spürt, dass sich jemand um sie oder ihn kümmert.

Foto: Malik-peopleimages.com / AdobeStock

Interview mit: https://www.zurzachcare.ch/dr-andreas-gantenbein

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