Mehr Mut zur Farbe, bitte!
Farben für Firmenräume
TEXT: FABRICE MÜLLER
In vielen Firmen der Schweiz dominieren Farben wie Weiss, Beige und Grau. Über den bewussten Einsatz von Farben könnten das Arbeitsklima, Engagement und die Motivation der Mitarbeitenden vielerorts gesteigert werden.
Eine eigene Welt sollte durch den Einsatz von Farben in den Büros der Eventagentur Brand Soul in Zürich entstehen. «Zum einen hatten wir das Ziel, mit den Farben die Kreativität des Unternehmens beziehungsweise seiner Mitarbeitenden zu unterstützen, aber auch eine gewisse Lebenskraft und Leichtigkeit in den Räumen auszustrahlen. Zum anderen galt, für ein gutes Arbeitsklima im Grossraumbüro und den anderen Räumen zu sorgen», berichtet Urs Halter aus Alpnach Dorf, der als ganzheitlicher Farbgestalter mit dem Farbkonzept für die Eventagentur beauftragt wurde. Je nach Raum kamen unterschiedliche Farben zum Einsatz. Im Grossraumbüro und den Gängen beispielsweise strahlen Gelb, Grün, Weiss und das Blau des Firmenlogos Dynamik und Fröhlichkeit aus. Zum Teil wurden die Wände ganzflächig in einer Akzentfarbe gestrichen, zum Teil in Kombination mit anderen Farben als vertikale Farbbänder. Im Chefbüro unterstützt ein Hellblau den freien Geist des Chefs, im Sitzungszimmer begleiten geometrische Formen in Grün-, Hellblau- und Lachstönen den kreativen Prozess.
Kraftvolle Ruhe und gefühlte Geborgenheit
Nicht alle Firmen haben den Mut, in der Gestaltung ihrer Räume auf Farben zu setzen. Weiss als neutrale Wand- und Deckenfarbe ist nach wie vor in vielen Schweizer Unternehmen die Regel. Als ganzheitlicher Farbberater ist Urs Halter von
farbforum.ch überzeugt, dass viele Unternehmen durch den bewussten Einsatz von Farben in ihren Räumlichkeiten profitieren könnten. «Natürlich braucht es einen gewissen Mut, sich für Farben im Büro zu entscheiden. Doch dieser Mut wird belohnt, indem die Farben für kraftvolle Räume sorgen, die Mitarbeitenden in ihrer Arbeit wertvoll unterstützen und das allgemeine Arbeitsklima verbessern. Mit einem ganzheitlich auf das Unternehmen abgestimmte Farbkonzept können zum Beispiel die Logofarben der Firma miteinbezogen werden und die Räume je nach Funktion entsprechend gestaltet werden.»
Gegen Stress und Hektik
In vielen Firmen prägen Hektik und Stress den Arbeitsalltag. Hier können Farben wie Blau- und Brauntöne laut Urs Halter zur Entschleunigung und Beruhigung beitragen (siehe auch Info-Box). Türkis gelte zudem als wirkungsvoller Farbton bei hoher Elektrosmogbelastung. Ein weiterer Vorteil von Farben liege darin, dass gerade durch den Einsatz von warmen Farben wie zum Beispiel Cremeweiss die gefühlte Raumtemperatur um zwei Grad steige. Dadurch lassen sich – so Urs Halter – Heizkosten sparen. «Das Betriebsklima der Firma wird durch das Farbkonzept in den Räumlichkeiten sichtbar gemacht. Dies kann der Unternehmer für PR nutzen und beispielsweise Events in den eigenen Räumlichkeiten durchführen. Die Erfahrung zeigt zudem, dass sich potenzielle Mitarbeitende von selbst melden, weil sie sich von den sichtbar gemachten Firmenkulturen angesprochen fühlen und gerne mit dabei sein wollen.»
Physiologische, psychologische und seelische Auswirkungen
Lange Zeit wurde Farbe als ergonomisches Gestaltungsmittel nur wenig beachtet. Heute ist man sich einig, dass Farb-Ergonomie und ihre Wirkung ein Zusammenspiel von physiologischen und psychologischen Komponenten sind. Sinnliche Wahrnehmung von Farben gilt mehr als ein blosses Sehen. Denn Farbe wirkt nicht nur optisch, sondern erfasst den gesamten menschlichen Organismus. Dieser beeinflusst den Stoffwechsel, Hormonhaushalt, Blutkreislauf, Herzschlag sowie die Puls- und Atemfrequenz. Aus der Farbpsychologie weiss man, dass Farben zudem auf Psyche, Stimmung, Gefühl und Verhalten eine wesentliche Bedeutung haben. Laut Goethe wirkt sich eine Farbe auf das Gefühl der Menschen aus und somit direkt auf die Seele. Farben prägen auf verschiedenen Ebenen. Goethe war einer der ersten, der sich im europäischen Kulturkreis mit der Wirkung von Farben auf die menschliche Psyche beschäftigte.
Weiss und Grün als besonders angenehm
Die Wirkung von Farben an Arbeitsplätzen ist inzwischen ein aktuelles Thema arbeitswissenschaftlicher Forschung. So hat sich zum Beispiel die Professur Arbeitswissenschaft der Technischen Universität Chemnitz mit dem Thema Licht und Farbe am Wissensarbeitsplatz beschäftigt. Wie eine Umfrage der Universität ergab, werden von vielen Angestellten Weiss und Grün als besonders angenehm, Rosa, Violett und Gold als unangenehm beurteilt. Die Befragten bevorzugen warme Farben, Grau hingegen wird schlechter bewertet. Der Einfluss, den Farben auf das persönliche Wohlbefinden der Nutzer am Arbeitsplatz ausüben, ist laut der Studie hoch. «Interessanterweise schätzen die Befragten auch die Leistungsbeeinflussung als nicht unerheblich ein. Dies spiegelt die aktuellen Forschungsergebnisse zu nicht-visuellen Wirkungen des Lichts wider», schreiben die Autoren der Studie.
Die psychologische Wirkung von Farben
Gelb: wirkt belebend, stimmungsfördernd, fördert das Mentale, die Kommunikation und den Intellekt.
Orange: wirkt belebend, kräftigend, inspirierend und anregend.
Rot: wirkt aktivierend, stimulierend, steht für Leidenschaft und Tatkraft, kann auch aggressiv machen.
Violett: wirkt entmutigend, mystifizierend. Es strahlt eine gewisse Würde aus.
Blau: wirkt entspannend, kühlend, macht weit und offen. Blau steht für Vertrauen, Ruhe, Kreativität.
Grün: wirkt beruhigend, ausgleichend, harmonisch. Es kann nicht gelebtes Potenzial im Menschen wecken.
Braun: wirkt beruhigend, stabilisierend. Es strahlt eine gewisse Schwere und Konservativität aus.
Weiss: vermittelt Sauberkeit, Unschuld, wirkt distanzierend und entemotionalisierend.
Grau: steht für Neutralität, Unauffälligkeit, Kompromissbereitschaft, aber auch für Langeweile.
Schwarz: steht für Stille, Tiefe, Sicherheit. Es kann feierlich wirken oder dem entgegengesetzt depressiv.
Fotos: ©Urs Halter, Farbforum

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