Meeresgrund trifft Horizont

Ökosystem Wattenmeer

Autor: CHRISTIANE SCHITTNY

Das geheimnisvolle Watt mit seiner unendlichen Weite und artenreiche Salzwiesen prägen die Nordseeküste. Im Nationalpark Wattenmeer kann man dem Wandel im Rhythmus der Gezeiten auf den Grund gehen.

Noch vor ein paar Stunden plätscherte das Wasser sanft gegen das sandige, mit Gras bewachsene Ufer. Wasservögel zogen ihre Kreise über den Wellen, um sich ganz plötzlich fallen zu lassen und mit einem Fisch oder Krustentier im Schnabel wieder aufzufliegen. Jetzt ist dieselbe Landschaft kaum mehr wiederzuerkennen. Es ist Ebbe und so weit das Auge reicht, breitet sich eine scheinbar leblose Sand- und Schlickwüste aus. In dieser Einöde bilden die zurückgebliebenen Wasserpfützen und die vielen kleinen Priele (Rinnsale), die die sandige Fläche wie das Astwerk eines Baums durchziehen und das letzte Wasser ins Meer am Horizont zurückleiten, einen willkommenen Kontrast.

«Zwischen Ebbe und
Flut liegt ein ganzes
Ökosystem.»

Was ist Watt?

Der Bereich der Nordsee, der regelmässig den Gezeiten folgend unter Wasser steht und dann wieder freiliegt, wird als Watt bezeichnet. Je flacher das Gelände abfällt, desto weiter dehnt sich die Wattfläche aus. An manchen Stellen zieht sich das Meer bei Ebbe viele Kilometer weit von der Küstenlinie zurück. Die Nordsee beherbergt das grösste zusammenhängende Gezeitengebiet der Welt, das sich vom niederländischen Den Helder bis zum dänischen Esbjerg erstreckt. Die drei Länder Deutschland, Dänemark und die Niederlande teilen sich ein gemeinsames Welterbe. Der Status des Weltnaturerbes ist die höchstmögliche Anerkennung, die einem Naturgebiet zuteilwerden kann.

Länderübergreifende Zusammenarbeit

Das Motto der Nationalparks lautet: «Natur Natur sein lassen». Alle drei Staaten arbeiten eng zusammen, um ihren Naturraum Wattenmeer für kommende Generationen zu bewahren. Dabei geht es um das gesamte Ökosystem: die ursprüngliche Landschaft mit ihrer Fauna und Flora, die Dünen und Salzwiesen, das Meer und die Wattflächen. Allein der Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer hat eine Fläche von 4400 Quadratkilometern. Es ist der grösste Nationalpark zwischen Nordkap und Sizilien. Zwei Drittel seiner Gesamtfläche ist ständig von Wasser bedeckt, ein Drittel macht das eigentliche, trockenfallende Watt aus.

Nicht ungefährlich

Der gewellte, feuchte Sand massiert die Fusssohlen bei jedem Schritt und die warmen Tümpel sind ein herrlicher Kontrast zu den kühleren Prielen, die immer wieder durchwatet werden müssen. Am fernen Horizont verschmelzen Land, Wasser und Himmel zu einer Einheit. Doch plötzliche Wetterumschläge sind nicht selten und können den unkundigen Wattwanderer völlig unerwartet in gefährliche Situationen bringen. Schnell aufkommender Nebel kann die Orientierung und das Zurückfinden ans sichere Land erschweren. Starke Stürme können dazu führen, dass die Flut schneller kommt als erwartet und deutlich höhere Wasserstände mit sich bringt. Auch mit Gewittern ist nicht zu spassen: Auf der ebenen Wattfläche findet der Wanderer weit und breit keinen Schutz vor Blitzen.

Extreme Bedingungen

Die Lebensbedingungen für Flora und Fauna sind äusserst schwierig. Binnen Minuten können die Temperaturen stark schwanken: Die Sonne heizt den freiliegenden Meeresboden stark auf und die auflaufende Flut bringt rasche und deutliche Abkühlung. Starkregen kann den Salzgehalt im Watt vorübergehend drastisch reduzieren, während eine hohe Verdunstung und die daraus resultierende Austrocknung des Meeresbodens das Gegenteil bewirken. Doch viele Lebewesen haben sich den schwierigen Verhältnissen angepasst.

Das Watt lebt!

Neben Wattwürmern und einer Vielzahl von Muscheln und Schnecken, die grösstenteils im Sand vergraben leben, gibt es an der Oberfläche und in den Prielen Miesmuschelbänke, Krebse, Garnelen und kleine Plattfische zu entdecken. Das Besondere am Watt ist das reichliche Nahrungsangebot und der Mangel an räuberischen Fischen. So kann sich Leben in Hülle und Fülle entwickeln. Im Watt gedeiht ein Mikrokosmos winziger Lebewesen wie Bakterien und einzellige Algen. Sie stehen am Anfang einer langen Nahrungskette. Davon profitieren am Ende etwa 25 Zugvogelarten, die das Watt als unverzichtbaren Zwischenstopp auf ihren langen Reisen ansteuern. Weitere 30 Arten nutzen das nahrungsreiche Gebiet regelmässig als Nistplatz und zur Aufzucht ihrer Jungen.

Wiesen am und im Meer

An der Übergangszone zwischen Watt und Land gedeihen Salzwiesen. Die durch Stürme hoch auflaufende Flut kann sie bis zu 50-mal pro Jahr unter Wasser setzen. Auch hier keine leichten Lebensbedingungen! Die Natur hat etwa 40 hoch spezialisierte Pflanzenarten hervorgebracht, denen nasse Füsse und Salz nichts anhaben können. Das bunte Miteinander der Gräser, Kräuter und Blumen, die teilweise nur hier gedeihen, zaubert einen einmalig schönen, farbenfrohen Teppich in die Landschaft. Unzählige Insekten, darunter viele Käfer und Schmetterlinge, sowie Spinnenarten haben sich diesen Lebensraum zu eigen gemacht. Rund 1800 Arten sollen es sein, 250 davon sind weltweit nur hier anzutreffen. Kein Wunder, dass dieses Angebot viele See- und Küstenvögel zu Brut und Nahrungssuche anlockt. Ein Paradies für Naturliebhaber

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