Auszeit

Time-out statt Burn-out

Autor: FABRICE MÜLLER

Viele Menschen träumen davon, in ihrem Leben einen Marschhalt einzulegen und eine Auszeit zu nehmen. Oft ist dabei auch ein Burn-out mit im Spiel. Damit die Auszeit ihre Wirkung nicht verfehlt, sollte man sie planen und sich bewusst sein, was man sich von ihr erhofft.

Auszeiten werden immer beliebter. Gemäss der XING-Sabbatical-Studie von 2017 hat bereits jeder Zehnte eine Auszeit genommen und jeder Fünfte liebäugelt damit. Bedenklich dabei ist: Die Hälfte der interviewten Personen will mit der Auszeit ein Burn-out überwinden oder einem vorbeugen. «Unsere Beobachtung und Erfahrung bestätigen diesen Trend hin zu mehr Auszeiten. Immer mehr Arbeitnehmende und Kaderleute wagen den Schritt in eine Auszeit und berichten positiv darüber», sagt Monika Keller, Beraterin der Rauszeit Agentur GmbH in Basel, wo Menschen, die sich eine Auszeit nehmen wollen, umfassend beraten werden. Viele Menschen träumen davon, für einige Zeit aus dem Alltagstrott auszubrechen und etwas völlig Neues zu wagen. Unter dem Titel «Auszeit statt Auto» veröffentlichte das Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) eine Studie, die aufzeigt, dass die Menschen anstelle von Luxusgütern immer häufiger essenzielle Erfahrungen, Zeit und Sinn-Erlebnisse wie zum Beispiel eine Auszeit suchen.

«Manchmal muss man
sich verlieren, um
sich selbst zu finden.»

Zu stark fremdgesteuert

«Die Beweggründe für eine Auszeit sind so unterschiedlich wie wir Menschen», erklärt Monika Keller. Oft seien die starke Belastung im Beruf und das Gefühl, fremdgesteuert zu sein von den Alltagsverpflichtungen und der Routine, Hauptgründe für den Entscheid, sich für ein paar Monate eine Auszeit zu nehmen. Vielleicht spüren manche ihre körperlichen oder psychischen Grenzen, erhoffen sich durch die Auszeit neue Inspirationen, eine Horizonterweiterung und die Möglichkeit, die eigene Rolle in der Gesellschaft zu hinterfragen. «Es findet meiner Meinung nach ein Wertewandel statt, der dazu geführt hat, dass Zeit höher gewichtet wird als Geld und Status», berichtet Monika Keller.

Wettbewerbsvorteil für Unternehmen

Sehr beliebt sei auch eine Auszeit nach dem Abschluss einer Berufsausbildung oder vor dem Studium. Weil immer mehr Unternehmen diese Bedürfnisse erkennen, werden Sabbaticals vermehrt befürwortet oder gar unterstützt. «Auszeiten zu fördern ist heute ein Wettbewerbsvorteil für das Unternehmen», ist Monika Keller überzeugt. Damit die Auszeit überhaupt möglich wird, braucht es von Seiten des Arbeitgebers entweder ein speziell darauf zugeschnittenes Auszeitmodell oder die Bereitschaft, einen unbezahlten Urlaub zu gewähren. Ansonsten, wenn das Projekt vom Arbeitgeber nicht unterstützt wird, bleibt nur noch die Kündigung, um den Weg zur geplanten Auszeit freizumachen.

Wie bereitet man eine Auszeit vor?

In der Auszeitberatung arbeitet Monika Keller mit den vier Themenblöcken «Auszeit», «Arbeitgeber», «Finanzen» und «Zuhause». Die richtige und frühzeitige Kommunikation mit dem Arbeitgeber ist ein wichtiger Punkt. Dazu gehört unter anderem, sich zu überlegen, wann aufgrund von saisonalen Arbeitsbelastungen der ideale Zeitpunkt für eine Auszeit ist. Weiter gibt es möglicherweise vertrags- und versicherungstechnische Themen mit dem Arbeitgeber zu regeln und Stellvertretungen während der Abwesenheit zu organisieren.

Eine Auszeit kostet Geld. Deshalb stellen sich im Vorfeld Fragen wie: Welches Budget steht für die Auszeit zur Verfügung? Welche Kosten für die Auszeit und die Fixkosten zu Hause sind zu berücksichtigen? Wie lassen sich Kosten reduzieren – etwa für Steuern oder Versicherungen? Was passiert mit den PK-Beiträgen? Welche Zahlungsmittel braucht es für unterwegs?

Zu guter Letzt will insbesondere das Zuhause organisiert sein: Wer kümmert sich um das Heim, die Tiere, den Garten, die Post usw.? Monika Keller gibt ihren Kunden Checklisten ab, damit nichts Wichtiges vergessen geht. Insgesamt müsse man mit ungefähr einem Dreivierteljahr für die Vorbereitungen rechnen.

Visionen und Stolpersteine

Möglichkeiten für eine Auszeit gibt es viele. Die einen unternehmen eine Weltreise, andere sind auf Schusters Rappen unterwegs, ziehen sich auf eine Alp zurück, meditieren oder arbeiten in einem Wohltätigkeitsprojekt. Damit verbunden sind in der Regel das Realisieren eigener Träume und Visionen. Das Hier und Jetzt wird wieder schätzen gelernt. Viele entdecken während ihrer Auszeit einen achtsameren Umgang mit sich selbst und mit der Umwelt. «Manche nutzen die Auszeit auch, um etwas Neues zu lernen – zum Beispiel eine Fremdsprache – oder einfach, um den Horizont zu erweitern», berichtet Monika Keller.

Rituale in den Alltag einbauen

Die Rückkehr sollte so gestaltet sein, dass man sich noch ein paar Tage Zeit lässt, bis man wieder ins Arbeitsleben einsteigt. Damit die Wirkung der Auszeit nicht gleich verpufft, schlägt Monika Keller vor, ein Ritual oder eine Tätigkeit, die man während der Auszeit schätzen gelernt hat, in den Alltag zu integrieren – zum Beispiel Meditieren, Spazieren in der Natur oder Lesen. Wer immer wieder in den Erinnerungen schwelgt, lässt die Auszeit auch Wochen und Monate danach aufleben. «Schliesslich sollte man dankbar und stolz sein, dass man die Auszeit durchgezogen hat», findet die Auszeitberaterin.

www.rauszeitagentur.ch

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