Gifte

Wann wird aus einem Gift ein Heilmittel?

TEXT: DR. ALEXANDER VÖGTLI, APOTHEKER

Viele Medikamente sind eigentlich «gezähmte» Gifte, die kontrolliert verabreicht werden und so eine heilende Wirkung entfalten.

Im allgemeinen Sprachgebrauch werden mit Giften chemische Verbindungen und Stoffe bezeichnet, die dem Körper bereits in einer geringen Dosis grossen Schaden zufügen. Sie führen zu Vergiftungssymptomen, die einen tödlichen Ausgang nehmen können. Typische Beispiele sind Aconitin, Strychnin, Kaliumcyanid oder Rizin.

Andererseits kann auch eine kleine Dosis über einen längeren Zeitraum schädlich sein. Wir können uns vergiften, ohne es selbst zu merken. Dies trifft insbesondere auf Pestizide und Mykotoxine (Pilzgifte) in Lebensmitteln und auf Schwermetallen zu. Die meisten Rauschmittel können sowohl zu akuten als auch zu chronischen Schäden führen, zum Beispiel Amphetamine, Alkohol und das Rauchen. Sogar Genussmittel wie der Haushaltszucker gehören zu den versteckten Giften, denn die Saccharose führt bei einem übermässigen Konsum zu einer Fettleber, zu Übergewicht und entsprechenden Folgeerkrankungen.

Natürlich gibt es zahlreiche menschengemachte Gifte, die synthetisch hergestellt werden. Die bekanntesten stammen aber von Lebewesen wie Pflanzen, Tieren oder Mikroorganismen. Sie nutzen sie als Selbstschutz zur Abwehr von Fressfeinden und zum Erlegen ihrer Beute. Die Gefährlichkeit ist dabei sehr unterschiedlich. Viele Giftpflanzen führen nur zu Verdauungsstörungen oder Hautreaktionen, andere sind hingegen akut lebensgefährlich wie der Goldregen oder der Blaue Eisenhut.

Giften begegnen wir täglich und überall im Alltag. Vom Benzin im Tank unseres Autos über pflanzliche Inhaltsstoffe unserer Zimmerpflanzen bis zu Medikamenten oder Reinigungsmitteln in unserem Putzschrank. Allerdings haben wir uns so an diesen Umstand gewöhnt, dass wir sie kaum mehr aktiv wahrnehmen.

Eine Gefahr stellen Gifte in erster Linie für Kinder dar. Um die Welt zu erkunden, nehmen sie naturgemäss gerne Dinge in den Mund und sie sind sehr experimentierfreudig. Die roten Vogelbeeren, die Samen der Herbstzeitlose oder farbige Tabletten, die aussehen wie Smarties, laden zum Spielen und Probieren ein.

«Die Dosis macht das Gift.»
Paracelsus

Gifte als Medikamente

Zwischen Giften und Arzneimitteln bestehen enge Beziehungen und Überschneidungen. So werden zahlreiche Gifte in geringer Dosis als Medikamente verwendet. Zum Beispiel Atropin aus der Tollkirsche, Morphin aus dem Schlafmohn, Digoxin aus dem Fingerhut oder Dronabinol (THC) aus dem Hanf. Auch der erste Wirkstoff aus der Gruppe der GLP-1-Rezeptor-Agonisten, der sogenannten «Schlankheitsspritzen», stammt ursprünglich aus einem Reptil, der Gila-Krustenechse. Darüber hinaus wurden die ACE-Hemmer wie Captopril, Enalapril und Perindopril von einem Schlangengift ausgehend entwickelt.

Um Gifte als Medikamente nutzbar zu machen, müssen sie «gezähmt» werden. Die Wirkstoffe werden isoliert, wissenschaftlich untersucht und allenfalls chemisch verändert. So geht beispielsweise das krampflösende Scopolaminbutylbromid (Buscopan®) auf die Gifte der Nachtschattengewächse zurück. Aufgrund der chemischen Modifikationen ist es aber deutlich weniger gefährlich. Schliesslich werden Medikamente auch in einer definierten Dosis verabreicht und der Abstand zwischen den Einnahmen wird kontrolliert.

Vergiftungen in der Apotheke

Bei einer vermuteten Vergiftung soll zunächst der Rettungsdienst alarmiert werden (Nr. 144). Zusätzlich steht in der Schweiz die gemeinnützige Stiftung Tox Info Suisse zur Verfügung, die unter der Nummer 145 erreicht werden kann und über die richtigen Massnahmen informiert. Das Herbeiführen von Erbrechen wird heute nicht mehr empfohlen und Brechmittel wie Ipecacuanhaextrakt spielen kaum noch eine Rolle.

Das Mittel der ersten Wahl bei einer Vergiftung ist die Aktivkohle, welche die Verbindungen im Darm an sich bindet und der Ausscheidung über den Stuhl zuführt. Sie wird aus pflanzlichen Materialien gewonnen und unterscheidet sich von der fossilierten Kohle, die im Laufe von Jahrmillionen entstanden ist. Auch zum Grillen verwenden wir übrigens Holzkohle und nicht die fossilen Brennstoffe. Aktivkohle ist nicht gegen alle Gifte wirksam, beispielsweise nicht gegen Säuren und Basen, Lithium oder Cyanide. Bei jeder Abgabe müssen Sie die Kundinnen und Kunden darauf aufmerksam machen, dass sie Medikamente im Darm bindet und deshalb unbedingt in einem ausreichenden zeitlichen Abstand von mindestens zwei Stunden eingenommen werden soll. Dieser Hinweis betrifft die Verwendung gegen Durchfall.

Bei schaumbildenden Mitteln wie den Seifen spielt das Entschäumungsmittel Simeticon eine wichtige Rolle, das sonst gegen Blähungen verabreicht wird.

In öffentlichen Apotheken müssen zwingend drei Antidote vorrätig gehalten werden. Das sind die erwähnte Aktivkohle und Simeticon sowie das anticholinerge Biperiden, ein Parkinsonmedikament. In Krankenhäusern ist das Sortiment viel grösser und umfasst auch Gegengifte, die spezifisch in das Krankheitsgeschehen eingreifen.

Viele der Prozesse und Vorsichtsmassnahmen in Apotheken zielen darauf ab, Vergiftungen zu verhindern. Dazu gehört die Kontrolle, wie viele Packungen die Patientinnen und Patienten beziehen. Bei Menschen mit einer psychiatrischen Erkrankung besteht die Gefahr einer Selbstvergiftung. Bei der Abgabe von Chemikalien müssen die gesetzlichen Anforderungen erfüllt werden, weil sie sehr konzentriert sind und Schaden anrichten können.

Foto: ©1989STUDIO/AdobeStock

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