Integrative Onkologie

Evidenzbasiert

TEXT: JÜRG LENDENMANN

In den letzten 20 Jahren konnte sich die integrative Onkologie immer erfolgreicher etablieren. Die neuen S3-Leitlinien geben eine Übersicht evidenzbasierter komplementärer Therapien zur Verbesserung von Symptomen und Lebensqualität unter der Tumortherapie.

«Integrative Onkologie ist ein patientenzentriertes, evidenzinformiertes Gebiet der Krebstherapie, das Mind-Body-Verfahren, natürliche Produkte und/oder Lebensstiländerungen aus unterschiedlichen Traditionen begleitend zu den konventionellen Krebstherapien einsetzt», zitierte Dr. med. Marc Schlaeppi, St. Gallen, die Definition der Society for Integrative Oncology (SIO). «Die Integrative Onkologie versucht, Gesundheit, Lebensqualität und klinische Outcomes über den Behandlungsverlauf hinweg zu optimieren und Menschen zu befähigen, Krebs vorzubeugen und zu aktiven Teilnehmern vor und während der Krebsbehandlung sowie über diese hinaus zu werden.» Die Evidenz in der integrativen Onkologie sei in den letzten 20 Jahren deutlich und relevant gewachsen, sagte Schlaeppi und verwies auf die neue S3-Leitlinie «Komplementärmedizin in der Behandlung von onkologischen PatientInnen» und deren Empfehlungsgraduierung, insbesondere was die Verbesserung der Lebensqualität und des Symptoms Fatigue anbelangt.

Eine informative Website sei zudem «About Herbs, Botanicals & Other Products» des Memorial Sloan Kettering Cancer Center, MSKCC.

Bedingungen an die Integrative Medizin

Im April 2024 wurde das Schweizerische Netzwerk für Integrative Onkologie (SNIO) mit 24 Institutionen aus der ganzen Schweiz gegründet. Schlaeppi: «An einem Workshop 2025, an dem Opinion Leader aus der ganzen Welt teilnahmen, wurden folgende Bedingungen für eine Integration der Integrativen Medizin definiert:

  • Integrative Medizin muss evidenzinformiert sein.
  • Diagnostische und therapeutische Prozesse werden festgelegt.
  • Wo möglich werden Therapiestandards angestrebt, damit Integrative Medizin vermittelbar ist.
  • Ein Therapiefreiraum für ExpertInnen muss jedoch gewährleistet werden, damit Individualisierung und Innovation weiterhin möglich bleiben.
  • Werte der Institution müssen mitgetragen werden.
  • Nähe zur konventionellen Onkologie.»

Bewährte äussere Anwendungen

«Äussere Anwendungen beruhen auf einer jahrhundertelangen Tradition sowie umfangreicher empirischer Erfahrung und werden innerhalb verschiedener komplementärmedizinischer Fachrichtungen – auch der Phytotherapie – als Therapieoption eingesetzt», sagte Dr. med. Jana Ertl. Zu den äusseren Anwendungen zählen Wickel, Auflagen/Kompressen, Einreibungen und Bäder. Laut Ertl wirken diese Anwendungen auf drei Ebenen: durch die eingesetzten Pflanzen/Pflanzenstoffe, durch die eingesetzte Temperatur sowie durch die Begegnung/Berührung. Wichtig vor jeder beschwerdeorientierten Behandlungsempfehlung sei eine professionell ärztlich/pharmazeutische Einschätzung der Situation. «Äussere Anwendungen haben viele Vorteile: Sie sind bei korrekter Durchführungspraxis sehr sicher, können bei akuten und chronischen Indikationen bei allen Altersstufen angewendet werden und sind zu Hause und im Spital zu jedem Therapiezeitpunkt gut kombinierbar.» Als Beispiele zeigte die Referentin die Anwendung von Schwarzem Senf, Ingwer, Lavendel, Rosmarin, Rose und Schafgarbe.

Mistel

Die Wirkung von Mistelpräparaten hängen hauptsächlich vom Gehalt an Mistellektin ab, erklärte Prof. Dr. med. Roman Huber, D-Freiburg i. Br. Bei intra-tumoraler Applikation wirken die Präparate dosisabhängig zytotoxisch; bei subkutaner Applikation zeigen sie immunmodulierende Effekte. Aus kontrollierten Studien bestehe eine gewisse Evidenz, dass sich die Lebensqualität von Patienten mit Krebserkrankung durch Mistelpräparate verbessere. Dies drücke sich in einer Kann-Empfehlung der deutschen S3-Leitlinie Komplementärmedizin in der Behandlung onkologischer Patienten aus.

Dr. med. Angela McCutcheon, Arlesheim, gab einen umfassenden Einblick in die Mistel (Viscum album) – von ihrem Wachstum auf verschiedenen Wirtsbäumen über die unterschiedlichen Herstellverfahren der Extrakte bis hin zu den Wirkstoffen und Wirkungsebenen. Für die Wahl der Mistel und Therapieform brauche es ein kluges onkologisches Gesamtkonzept.

Phytotherapie bei tumorassoziierter Fatigue

«Die tumorassoziierte Fatigue ist die häufigste Begleitbeschwerde in der Onkologie», sagte Prof. Dr. med. Matthias Rostock, Hamburg. Die S3-Leitlinien (s. oben), die sich ausschliesslich an randomisierten kontrollierten Studien orientieren, empfehlen zum einen konventionelle nichtmedikamentöse Behandlungsverfahren – u. a. kognitive Verhaltenstherapie, Psychoedukation sowie Sport- und Bewegungsinterventionen. Empfohlen werden andererseits komplementärmedizinische Behandlungsansätze wie die Mind-Body-Medizin – insbesondere MBSR (Mindfulness-Based Stress Reduction), MBCT (Mindfulness Based Cognitive Therapy), Yoga, Tai-Chi und Qigong – sowie Akupressur und Akupunktur. Auch die Phytotherapie habe einen hohen Stellenwert. Eingesetzt werden können je nach Art der Fatiguebeschwerden neben der Misteltherapie vor allem Ginseng (Panax ginseng und Panax quinquefolius), Rosenwurz (Rhodiola rosea), Baldrian (Valeriana officinalis), Lavendelblüten (Lavandulae flos), Passionsblumenkraut (Passiflorae herba) sowie die Schlafbeere (Withania somnifera).

Ausblick: «Phytotherapie bei Altersbeschwerden» lautet das Thema der 40. Schweizerischen Jahrestagung für Phytotherapie, die am Donnerstag, 26. November 2026, stattfinden wird.

Quelle: Auswahl von Referaten, gehalten an der 39. Schweizerischen Jahrestagung für Phytotherapie, Trafo Baden, 27. November 2025.

Foto: ©photocrew/AdobeStock

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