Strychnin
Die gewöhnliche Brechnuss
TEXT: MONIKA LENZER
Bei Strychnin denken viele Menschen an Kriminalfälle, Mordanschläge und Vergiftungen. Weniger bekannt ist heutzutage, dass es in der Vergangenheit als Arzneimittel eingesetzt wurde.
Zahlreiche Krimiautoren liessen ihre Opfer mit Strychnin vergiften. Ein bekannter Klassiker ist Agatha Christies erster Roman «Das fehlende Glied in der Kette» (The Mysterious Affair at Styles). Hercule Poirot ermittelt hier, wer die wohlhabende Emily Inglethorp auf ihrem Landgut vergiftet hat. Doch eigentlich eignet sich Strychnin nicht gut für einen Giftanschlag, denn es gehört zu den bittersten Substanzen. Wässrige Strychninlösungen schmecken sogar in einer grossen Verdünnung von 1:130 000 noch bitter.
In den Schweizer Schlagzeilen
Der Strychnin-Tod von Caspar Trümpi in Bern führte zu vielen Spekulationen im Jahr 1864. Sein Arzt Karl Demme wurde angeklagt, die Tat verübt zu haben. Aus Mangel an Beweisen wurde er allerdings freigesprochen. Pikant an dieser Geschichte ist, dass er sich mit der Tochter des Opfers kurz darauf verlobte und beide sich noch im selben Jahr das Leben nahmen – ebenfalls mit Strychnin.
Immune Vögel
Strychnin ist ein basisches Indol-Alkaloid, das sich in den Samen der gewöhnlichen Brechnuss (Strychnos nux-vomica) und anderen Strychnos-Gewächsen befindet. Vor allem in Südostasien wachsen diese Bäume aus der Familie der Brechnussgewächse (Loganiaceae), die bis zu 25 Meter hoch werden. Aus den duftenden, grünlich-weissen Blüten bilden sich orangerote Früchte, die die giftigen Samen enthalten. Sie befinden sich auf dem Speiseplan vom Nashornvogel, den die toxische Wirkung nicht beeindruckt.
Kleine Dosis
Für eine letale Wirkung beim Menschen sind keine grossen Mengen erforderlich; bereits eine Dosierung im zweistelligen Milligramm-Bereich kann zum Tod führen. In der Literatur wird angegeben, dass die orale Einnahme von 60 bis 90 Milligramm Strychnin für einen Erwachsenen tödlich sein könne.
Der Giftstoff blockiert Glycin-Rezeptoren, die als inhibitorische Neurotransmitter grösstenteils im ZNS – vor allem im Rückenmark und Hirnstamm – vorkommen. Dies führt zu einer verstärkten Erregbarkeit des zentralen Nervensystems.
Krampfhafter Tod
Bei einer Strychninvergiftung werden zunächst die Reflexe und Sinnesorgane übererregt. Dem folgen steif werdende Kau- und Nackenmuskeln. Letztendlich treten Starrkrämpfe ein, die den Tod durch Atemlähmung auslösen können.
Als Antidot kann das depolarisierende Muskelrelaxans Physiostigmin zum Einsatz kommen. Häufig werden auch Benzodiazepine (zum Beispiel Diazepam) verwendet, um die inhibitorische Wirkung der GABA-Rezeptoren zu erhöhen.
Aus der Mode gekommen
Heute ist es kaum noch möglich, strychninhaltige Produkte einfach zu kaufen. Früher sah dies anders aus. So war es häufig in Rattengift enthalten. Auch die alten Arzneibücher beschrieben Monographien über Strychni semen (Brechnuss), Strychni tinctura (Brechnusstinktur) und Strychni extractum (Brechnussextrakt). Als Stärkungsmittel und Analeptikum zur Anregung von Kreislauf und Atmung wurden strychninhaltige Arzneien eingesetzt, doch aufgrund der geringen therapeutischen Breite sind sie heute obsolet.
Nichtsdestotrotz wird Strychnin zuweilen als Doping-Mittel verwendet, obwohl es seit 1945 auf der Anti-Doping-Liste als spezifisches Stimulans steht. Aufsehen erregte der kirgisische Gewichtsheber Issat Artykow, der bei den Olympischen Sommerspielen 2016 disqualifiziert wurde, da er illegalerweise Strychnin konsumiert hatte.
In der Homöopathie
Das homöopathische Mittel Nux vomica wird noch heute eingesetzt. Es war eines der ersten Mittel, die Samuel Hahnemann in seinem ersten Band der «Reinen Arzneimittellehre» im Jahr 1805 beschrieb. Die Urtinktur wird aus Brechnusssamen gewonnen und bis zur gewünschten Potenz verdünnt. Typische Nux-vomica-Menschen sind gehetzte, mit Kaffee und Nikotin vergiftete Manager-Typen, deren stressige Lebensführung auf den Magen schlägt.
Egal, ob als Arzneimittel oder Gift, Strychnin hat eine spannende Geschichte zu erzählen.
Foto: ©monropic/adobe.stock.com

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